Hintergrund: Ökosysteme haben ihren Preis

17. Mai 2012
Korallenriff; Polypen, Seesterne und Seeschlangen.

Trinkwasser, Nahrung, Klimaregulation: Die Natur ist ein wichtiger Dienstleister, doch ihr wirtschaftlicher Wert hat lange kaum eine Rolle gespielt. Die Bezifferung des Naturkapitals kann jedoch dazu beitragen, das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung intakter Ökosysteme und deren Schutz zu schärfen. Welche Leistungen erbringen Ökosysteme? Wie viel sind zum Beispiel die Dienste der Bienen wert?

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Intakte Ökosysteme erfüllen für die menschliche Gesellschaft verschiedenste Leistungen und Funktionen. So zum Beispiel in Form von Versorgungsleistungen, indem sie Trinkwasser (gefiltert durch Böden und Pflanzen), Nahrungsmittel (gewachsen auf durch Kleinstlebewesen und Würmer fruchtbar gehaltenen Böden) oder auch Energieträger zur Verfügung stellen. Die Natur übernimmt auch Regulierungstätigkeiten: So speichern Moore Kohlenstoff, Flussauen schützen vor Überflutungen, Vögel und andere Insektenfresser oder auch Insekten selbst wirken als biologische Schädlingsbekämpfer.

Auch dass Ökosysteme als komplexes Netzwerk von Lebewesen und Lebensraum zugleich Grundlage für Tiere und Pflanzen sind, ist eine wichtige Leistung. Und nicht zuletzt übernehmen Ökosysteme eine kulturelle Leistung: Sie bieten Menschen in der Freizeit Erholung, und sie sind ein ästhetischer Genuss. Dabei erbringen Ökosysteme wie der Wald oder die Ozeane als Ganzes erstaunliche Dienstleistungen, aber ebenso einzelne Tier- und Pflanzenarten, wie die Biene als Bestäuber oder die Teufelskralle als Medizin. An die Bedeutung der biologischen Vielfalt und ihren Erhalt erinnert unter anderem der jährlich stattfindende Internationale Tag der biologischen Vielfalt. Dieser internationale Tag wird seit 2001 jeweils am 22. Mai eines Jahres begangenen.

Wie wichtig die Ökosystemdienstleistungen wirklich sind und welchen Umfang sie haben, ist meist nicht direkt erkennbar beziehungsweise den meisten Menschen nicht bewusst. Lange spielte das Naturkapital in herkömmlichen ökonomischen Analysen keine Rolle. Dennoch haben Ökosysteme ihren individuellen wirtschaftlichen Wert, der sich bemessen und beziffern lässt.

Die TEEB–Studie: Ökonomie der Ökosysteme

Dem Wert von Ökosystemen und auch dem wirtschaftlichen Schaden durch den Verlust einzelner Ökosysteme spürte die 2010 erschienene TEEB-Studie ("The Economics of Ecosystems and Biodiversity" – "Die Ökonomie von Ökosystemen und Biodiversität" ) nach. Im Auftrag der Vereinten Nationen trugen weltweit rund 500 Experten und Expertinnen unterschiedliche Studien zusammen, um den wirtschaftlichen Wert von Wäldern, Böden und Ozeanen zu bestimmen.

In der TEEB-Studie werden zum Beispiel die Ökosystemleistungen von Korallenriffen auf bis zu 170 Milliarden US-Dollar pro Jahr beziffert – das entspricht rund 130 Milliarden Euro. Die Korallenriffe sind wichtig für den Küstenschutz, außerdem bieten sie den Lebensraum für schätzungsweise bis zu drei Millionen Arten, dazu zählt ein Viertel aller Meeresfische. Von den intakten Korallenriffen hängt die Existenz von rund einer halben Milliarde Menschen ab.

Auch der ökonomische Wert der Bestäubung durch Insekten wird berechnet, und zwar auf weltweit 153 Milliarden Euro, das entspricht 9,5 Prozent des globalen landwirtschaftlichen Ertrags im Jahr 2005.

Ebenfalls Gegenstand der TEEB-Studie war die Bedeutung von Schutzgebieten. Die rund 100.000 Schutzgebiete der Erde – auf dem Land sowie im Meer – versorgen die Menschen mit Ökosystemdienstleistungen im Wert von 4.400 bis 5.200 Milliarden US-Dollar pro Jahr, das entspricht etwa 3.400 bis 4.400 Milliarden Euro. Dieser Wert übertrifft die Summe der Umsätze des weltweiten Automobilsektors, Stahlsektors und IT-Dienstleistungssektors zusammen.

Neben den Leistungen lassen sich auch Schäden beziffern. Eine nachhaltige Fischerei könnte weltweit jährlich 50 Milliarden US-Dollar (etwa 38 Milliarden Euro) mehr einnehmen als die heute vorherrschende Industriefischerei, die zur Überfischung führt und dem Ökosystem Meer schadet.

Bienen als Dienstleiste

"Ernährung der Menschen bedroht" , "UNO: Bienensterben ist globales Problem" : Solche und ähnlich lautende Titel waren in den vergangenen Jahren in den Medien zu lesen. Anlass ist, dass weltweit – vor allem in den Industrieländern – Bienenvölker sterben und die Bestände teilweise dramatisch zurückgehen. Dabei werden sie gebraucht. Denn vor allem Bienen (Honig- und Wildbienen, inklusive Hummeln) sorgen neben anderen Insekten für die Bestäubung von Pflanzen.

Bienen gelten zumeist als Lieferant von Honig und Wachs, doch ihr ökonomischer Wert liegt vor allem in der Arbeit als Bestäuber. Dabei übernehmen Bienenvölker die Bestäubung von Obstbäumen und -sträuchern, von Nutzpflanzen im Garten  wie Kartoffeln oder Karotten  sowie auf Feldern, zum Beispiel Raps oder Getreide. Ebenso bestäuben sie Wildpflanzen, die wiederum die Nahrung wildlebender Tiere bilden. Ein einzelnes Bienenvolk – dazu gehören etwa 50.000 Arbeitsbienen – erzielt jährlich einen Bestäubungswert zwischen 800 und 900 Euro. Nach Schätzungen der Universität Hohenheim erwirtschaften die Bienen 2,5 Milliarden Euro auf Plantagen, Feldern und Beeten – die Bestäubung der Wildkräuter noch nicht eingerechnet. Als "Lohn" begnügen sich die Bienen mit etwas Pollen und Nektar. Ohne ihre Bestäubungsleistung drohen der Landwirtschaft enorme Ernteverluste.

Das passierte zum Beispiel im Jahr 2007 in den USA, als ein großes Bienensterben einsetzte und ein Großteil der landwirtschaftlich genutzten Pflanzen nicht bestäubt wurde. Für die Landwirte waren die Ernteausfälle eine Katastrophe. Sie büßten um die 15 Milliarden Dollar an Einkommen ein. Zeitweise waren 80 Prozent aller Bienenvölker verschwunden. Die Ursache war unklar, als Auslöser wurden ein Virus, Parasitenbefall sowie Pestizide genannt – auch eine gefährliche Mischung dieser Komponenten könnte eine Erklärung sein. Das Phänomen des Bienensterbens wird als "Colony Collapse Disease" (CCD) beschrieben, also als "Bienenvolk-Kollaps". Dabei verlassen die flugfähigen Bienen den Stock, und die Völker lösen sich auf. Ein Phänomen, das auch in Europa vorkommt.

Bienen bilden einen Staat, in dem einzig die Königin die Eier produziert und Nachkommen zeugt. Sie legt im Frühjahr bis zu 2000 Eier pro Tag in den Brutzellen des Bienenstocks ab. Aus den befruchteten Eiern werden Arbeiterinnen oder Königinnen, aus den unbefruchteten Eiern männliche Bienen, sogenannte Drohnen. Jedes Bienenvolk hat nur eine Königin. Sie sondert einen Duftstoff ab, der die Ausbildung der Geschlechtsorgane der Arbeiterinnen hemmt. Dennoch werden jedes Jahr mehrere Königinnen in einem Volk geboren. Die Altkönigin verlässt mit einem Teil des Bienenvolkes das Nest und gründet einen neuen Staat. Die frisch geschlüpften Jungköniginnen liefern sich einen Kampf, aus dem die Siegering und neue Königin hervorgeht.

Das Naturkapital erkennen und schützen

Die wirtschaftliche Erfassung, also Ökosysteme mit einem Wert zu versehen, soll helfen ihren Schutz zu stärken. Für die menschliche Gesellschaft ist der Erhalt der Biodiversität, also die Vielfalt an Pflanzen, Tieren, Mikroorganismen und Lebensräumen sowie ihre Beziehungen untereinander, entscheidend. Eine finanzielle Bewertung der Natur könnte auch dazu beitragen, dass Unternehmen den Schutz von Ökosystemen in die Produktionskosten einfließen lassen. Die Kosten würden damit steigen, doch zugleich die Schäden an Ökosystemen sinken. Befürworter dieser Idee argumentieren, dass die höheren Preise die wahren Kosten widerspiegeln würden und dass viele Waren bislang nur deshalb so günstig verkauft werden können, weil dafür Ökosysteme geplündert werden.

Es gibt bereits heute Beispiele dafür, dass Dienstleistungen der Natur direkt in Geldbeträgen beziffert werden. So zahlen in den USA Landwirte je nach Pflanzenart pro Bienenvolk eine bestimmte Bestäubungsprämie an die Imker. An der Bilanzierung und Kostenrechnung von Ökosystemen gibt es auch Kritik. Eine Gefahr ist, dass Ökosysteme gegeneinander ausgespielt werden: Je nach ihrem Nutzen sind Ökosysteme dann mehr oder weniger wert; damit könnten unter Umständen einzelne als weniger schützenswert erscheinen. Anliegen der TEEB-Studie ist es, über den Wert der Ökosysteme generell ihre Wertschätzung bewusst zu machen.

Überraschende Fakten als Aufhänger für den Unterricht

In höheren Klassenstufen lassen sich die genannten ökonomischen Kennzahlen für Ökosysteme für den Unterricht nutzen. Zum Beispiel im Rahmen der Mystery-Methode. Dabei wird eine rätselhafte Aussage als Einstieg in den Unterricht formuliert, wie "Insekten sind jährlich 153 Milliarden Euro wert" oder "Korallenriffe kosten jährlich 130 Milliarden Euro". Die Schülerinnen und Schüler diskutieren die Bedeutung dieser Angaben. Ebenso können die Ökosysteme und die wirtschaftlichen Schätzungen an der Tafel notiert werden; auch hier bespricht die Klasse im Anschluss die Zusammenhänge. Als weitere Möglichkeit bietet sich an, nicht nur die Ökosysteme und "Preise" an der Tafel festzuhalten, sondern auch ihre Leistung. Zum Beispiel werden die Begriffe "Insekten", "Bestäubung", "Obstbäume", "153 Milliarden Euro jährlich" notiert. Im Anschluss erarbeiten die Schülerinnen und Schüler schrittweise die Kausalkette.

Als Einstieg in das Thema bietet sich auch die Bildergalerie an. Hier finden sich drei Motive von Ökosystemen, die jeweils mit einem Preisschild etikettiert sind. Die Bilder können als stummer Impuls gezeigt werden und zur Diskussion anregen. Die Bilder sind auch als Material (besonders für die Grundschule geeignet) zusammengestellt: Hier finden sich Bilder sowie unterschiedliche Preisschilder, auch mit "Niedrigpreisen", sodass sich die Schüler und Schülerinnen über eine Zuordnungsübung dem Thema nähern können.

Für den Unterricht bietet sich auch der Besuch eines Imkers an; die Schüler und Schülerinnen können mit ihm ein Experteninterview führen. Im Anschluss – vor allem in der Grundschule – kann die Klasse dann ein Wissensbuch über Bienen anlegen. Informationen dazu bieten zum Beispiel die Naturdetektive sowie Planet Wissen.

Die Klassen können im Schulgarten, falls vorhanden, Bienen beobachten und zeichnen. Oder die Lehrkraft bringt unterschiedliche Produkte mit, darunter sollten zum Beispiel Obst und Honig sein. Die Schülerinnen und Schüler raten, an welchen Produkten Bienen welchen Anteil hatten. Auch der Bau eines Hotels für Wildbienen bietet sich an, dazu bietet der NABU Informationen.

 

Weiterführende Links zum Thema

Bundesumweltministerium mit Informationen zu TEEB
http://www.bmu.de/naturschutz_biologische_vielfalt/teeb/doc/43001.php

Website von TEEB
http://www.teebweb.org/

Umweltbundesamt (UBA) mit Informationen zur Biologischen Vielfalt
http://www.umweltbundesamt.de/umweltbeobachtung/index.htm

UBA-Jahrespublikation "Schwerpunkte 2012" mit einem Interview mit Pavan Sukhdev, dem Leiter der TEEB-Studie
http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-medien/4213.html

Naturdetektive zu Bienen und Hummeln
http://www.naturdetektive.de/natdet-wochenwettbewerb_2010-27.html

Das Magazin für Kinder "kinatschu" vom Bundesamt für Naturschutz mit Informationen zu Bienen (PDF)
http://www.naturdetektive.de/fileadmin/MDB/documents/service/kinatschu-fruehling-screen.pdf

Wettbewerb Wildbienenhotel im Zukunftsprojekt Erde des Bundesministeriums für Bildung und Forschung
http://www.zukunftsprojekt-erde.de/mitmachen/das-wildbienenprojekt/wettbewerb-wildbienenhotel.html

 

 

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