Hintergrund: Ein Markt für "grüne Technologien"

26. April 2012
Zapfsäule für Bio-Desel; im Hintergrund eine Straße.

Ein Markt für "grüne Technologien"

Die deutsche Wirtschaft produziert immer effizienter: So stieg in den letzten zwanzig Jahren die Energieproduktivität hierzulande um gut 38 Prozent. Denn: Energieeffizienz, Ressourcenschonung und Klimaschutz spielen bei industriellen Prozessen zunehmend eine Rolle. Umwelttechnologien, auch als "grüne Technologien" bekannt, sollen dabei helfen. Welche Bereiche umfassen Umwelttechnologien? Welche Berufs- und Studienperspektiven ergeben sich? Und welche Auswirkungen hat die "grüne Wirtschaft" für Umwelt und Klima?

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Sie ist eine der wichtigsten Technologiemessen weltweit: die Hannover Messe. Ein Jahr nach dem von der Bundesregierung beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie steht die aktuelle Schau vom 23. bis 27. April 2012 im Zeichen des Klimawandels und der Energiewende. Das Motto lautet: "Greentelligence" – eine Wortschöpfung aus „green“ und "intelligence". Erstmals findet in diesem Jahr zugleich auch die "Industrial GreenTec" statt, eine Teilmesse, die den Blick auf Umwelttechnologien lenken soll. 120 Aussteller zeigen hier dem Fachpublikum "grüne" Lösungen für die Industrie, die umweltschonend, nachhaltig sowie ressourcen- und energiesparend sind.

Schwerpunkte der "Industrial GreenTec" sind unter anderem Kreislaufwirtschaft, Wasseraufbereitung, Speichertechnologien, Luftreinhaltung sowie Dienstleistungen und Beratungen im Zusammenhang mit den neuen Technologien. Ziel ist, den Schutz des Klimas, von Gewässern und Böden ebenso wie die Reinhaltung der Luft voranzutreiben. Die Produkte und Verfahren der "GreenTec" sollen beispielsweise dazu beitragen, dass bei industriellen Prozessen weniger Rohstoffe verbraucht und weniger Emissionen freigesetzt werden. Die Produktion selbst soll zudem energiesparender werden.

Wiederaufbereitung und nachhaltige Speichertechnologien

Einer der Aussteller auf der "GreenTec" ist der Berliner Entsorgungs- und Recyclingkonzern ALBA . Das Unternehmen zeigt in Hannover ein Verfahren namens "Recycled-Resource", mit dem Kunststoffgranulate fast zu 100 Prozent aus Recyclingmaterial hergestellt werden. Vor allem kommt es laut ALBA zu keinen Qualitätsverlusten, sodass das Kunststoffgranulat für die Anfertigung unterschiedlichster Kunststoffteile genutzt werden kann und nicht nur für Parkbänke und Schallschutzwände. Clean Energy aus Aub (Bayern), eine auf Batteriesystemtechnik spezialisierte Firma, stellt wiederum ihre Energiespeichersysteme für Privathaushalte vor, bei denen der Strom durch eine Photovoltaikanlage oder ein Windrad erzeugt wird. Eine Innovation, denn insbesondere im Bereich Erneuerbare Energien spielen solche Speichertechnologien eine große Rolle, um die witterungsabhängigen Schwankungen bei der Energieerzeugung abzufangen. Das Unternehmen HT Instruments aus Korschenbroich hat unter anderem eine Wärmebildkamera im Programm, mit der sich via Infrarotbild Wärmeverluste in industriellen Prozessen überwachen lassen. Mit dieser Kamera können aber auch Stellen an Gebäuden gefunden werden, an denen viel Energie verloren geht.

Der Markt für Umwelttechnologien boomt – im In- und Ausland. Deutschlands Umwelttechnikbranche konnte sich in der Vergangenheit Weltmarktanteile zwischen 6 und 30 Prozent erarbeiten. Im Jahr 2007 wurden in Deutschland im Bereich Umwelttechnologien rund 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erarbeitet. Nach Schätzungen des Bundesumweltministeriums soll sich der Anteil bis 2020 auf 14 Prozent erhöhen.

Weltweit dominieren im Bereich der Umwelttechnologie die Märkte Energieeffizienz und Nachhaltige Wasserwirtschaft. Der Leitmarkt Energieeffizienz besitzt ein globales Volumen von knapp 540 Milliarden Euro: Hierbei gehören deutsche Firmen vor allem bei der Heiz- und Klimatechnik sowie im Bereich energieeffiziente Weiße Ware – damit sind große Haushaltsgeräte wie Kühlschränke und Waschmaschinen gemeint – zu den wichtigsten Produzenten weltweit. Ihr Anteil am Weltmarkt liegt bei 10 beziehungsweise 15 Prozent. Auch die Bereiche umweltfreundliche Energien und Energiespeicherung gewinnen an Bedeutung. Deutsche Hersteller von Biogasanlagen halten 90 Prozent des Weltmarkts.

Bedeutende Märkte im Bereich Kreislaufwirtschaft und Nachhaltiger Wasserwirtschaft finden sich zudem in Ländern wie China, Indien oder Brasilien sowie in anderen Schwellenländern mit wachsenden Ökonomien und steigendem Konsum. Deutsche Unternehmen konnten durch die hierzulande geltenden Standards ein Know-how entwickeln, das sie international interessant macht.

Ein boomender Markt

Auch der Umweltwirtschaftsbericht 2011 des Bundesumweltministeriums und Umweltbundesamts macht deutlich, dass der Bereich "grüne Technologien" boomt. Demnach liegt der weltweite Markt von Umwelttechnologien und -innovationen bei rund zwei Billionen Euro und wird sich nach aktuellen Schätzungen in den nächsten zehn Jahren noch verdoppeln. Deutsche Unternehmen sind mit einem Welthandelsanteil von über 15 Prozent führend auf diesem Gebiet.

Das wachsende Interesse an "grünen Technologien" ist eine erfreuliche Entwicklung. Denn sie tragen entscheidend zum Umwelt- und Klimaschutz bei. Zwischen 1990 und 2010 stieg in Deutschland die Energieproduktivität um gut 38 Prozent. Der Indikator Energieproduktivität wird aus dem Verhältnis von Bruttoinlandsprodukt und Primärenergieverbrauch ermittelt. Er steigt, wenn die gleiche Wertschöpfung (gemessen als Bruttoinlandsprodukt) mit weniger Primärenergieinput produziert werden kann. Im selben Zeitraum stieg auch die Rohstoffproduktivität – sogar um 46 Prozent. Der Indikator Rohstoffproduktivität ist definiert als das Verhältnis von Bruttoinlandsprodukt (in Euro, preisbereinigt) und Materialeinsatz. Er steigt an, wenn die gleiche Wertschöpfung (ebenfalls gemessen als Bruttoinlandsprodukt) mit weniger Materialeinsatz produziert werden kann.Zugleich konnten die Luftschadstoffemissionen um 56 Prozent reduziert werden. Doch es wächst auch Kritik am Leitbegriff der "Green Economy": Wirtschaftliches Wachstum, sei es auch energie- und ressourcenschonend, kommt nie ohne den Verbrauch von Energie und Rohstoffen aus. Kritiker sehen deshalb im Umbau auf eine "grüne Wirtschaft" keine langfristige Lösung für Klimaschutz und Rohstoffabhängigkeit, sie fordern stattdessen den Rückbau industrieller Prozesse.

Erneuerbare Energien sind einer der Leitmärkte

In Deutschland haben knapp zwei Millionen Menschen "Green Jobs", arbeiten also in der Umwelttechnologie und -wirtschaft. Zentral ist insbesondere der Bereich Erneuerbare Energien. Allein hier gab es 2011 etwa 381.600 Arbeitsplätze. Damit hat sich die Zahl der Stellen seit dem Jahr 2004 mehr als verdoppelt. Jeweils gut ein Drittel der für 2011 angegebenen Arbeitsplätze fanden sich in den Bereichen Solarenergie und Biomasse. Es folgen Windenergie mit mehr als 100.000 Stellen sowie Geothermie mit etwa 14.200 und Wasserkraft mit 7.600 Arbeitsplätzen. Rund 9.600 Jobs entfielen auf den Bereich der öffentlich geförderten Forschung und Verwaltung. Insgesamt rechnet das Bundesumweltministerium damit, dass die Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2030 auf ein Volumen von 500.000 bis 600.000 Beschäftigten anwachsen.

Gute Chancen also für alle, die im Bereich Erneuerbare Energien einen Job suchen. Der Stellenmarkt ist hier breit gefächert. In der Windenergiebranche werden zum Beispiel unter anderem Schweißer, Schlosser und Mechatroniker ausgebildet und eingestellt. Die Handwerker erhalten bei ihrer Ausbildung eine Zusatzqualifikation für Windenergietechnik. Neben den berufsüblichen Anforderungen müssen sie teilweise Höhentauglichkeit nachweisen oder den Umgang mit speziellen Blechen und Schweißtechniken erlernen. Fachkräfte für die Wartung von Windkraftanlagen werden ebenfalls gesucht. Im akademischen Bereich können sich Studierende der Elektro- oder Verfahrenstechnik sowie des Maschinenbaus auf Erneuerbare Energien spezialisieren. Die Fachhochschulen Kiel und Flensburg bieten etwa einen eigenständigen Master-Studiengang "Wind Engineering" an. An der Universität Stuttgart ist ein Bachelorstudiengang "Erneuerbare Energien" möglich.

Eine gute Chancen für Schülerinnen und Schüler der 8. bis 13. Klasse, einen Überblick über die Berufs- und Studienperspektiven im Bereich "GreenTech" und Klimaschutzforschung zu gewinnen, ist der "Green Day", der erstmals am 12. November 2012 stattfinden wird. Diese bundesweite Aktion wird gefördert durch das Bundesumweltministerium im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative. Entsprechend dem Girls’ und Boys’ Day informieren sich die Schülerinnen und Schüler vor Ort in den Unternehmen über "grüne Berufe". In Hochschulen und Forschungszentren bekommen sie Einblicke in Studiengänge und aktuelle Forschungsprojekte.

Ein Großteil aller Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbaren Energien entstand als Folge des 2000 in Kraft getretenen Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das bis heute ein zentrales Instrument zur Förderung des Ausbaus Erneuerbarer Energien ist. Nach Schätzung des Bundesumweltministeriums basierten im Jahr 2011 276.500 Arbeitsplätze auf den vom EEG gesetzten Anreizen: Davon entfielen knapp 111.000 Stellen auf den Bereich Photovoltaik, gut 101.000 auf die Windenergie und 62.000 auf den Bereich Biomasse.

 

 

Weiterführende Links zum Thema:

Das Bundesumweltministerium (BMU) bietet verschiedene Informationen zur Umwelttechnologie
http://www.bmu.de/wirtschaft_und_umwelt/umwelttechnologie/doc/39452.php

"GreenTech made in Germany 2.0", der Umwelttechnologie-Atlas für Deutschland des BMU
http://www.bmu.de/wirtschaft_und_umwelt/downloads/doc/43943.php

Umweltwirtschaftsbericht 2011, herausgegeben von BMU und Umweltbundesamt
http://www.bmu.de/wirtschaft_und_umwelt/publ/48296.php

"Umwelttechnik – Dienstleistungen", eine Broschüre des BMU
http://www.bmu.de/wirtschaft_und_umwelt/downloads/doc/45951.php

Informationen des Umweltbundesamtes zu Umweltökonomie und Umweltmanagement
http://www.umweltbundesamt.de/umweltoekonomie/index.htm

Voraussichtlich Ende Mai wird die Kampagnenseite zum "Green Day" geschaltet, dann zu finden unter
http://www.greenday2012.de/

 

 

 

 

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