Hintergrund

Shareconomy: vom Haben zum Teilen

Illustration; zwei  blaue Personen, die über grüne Pfeilen in Verbindung stehen.

"Teilen ist das neue Haben": Unter diesem Motto berichten viele Medien über einen neuen Trend, weg vom individuellen Besitz hin zum gemeinsamen Konsum. Dafür werden die Begriffe "Shareconomy" oder "Ko-Konsum" verwendet. Das vom Carsharing bekannte Prinzip wird dabei mithilfe von Smartphones und sozialen Netzwerken auf andere Gebrauchsgüter übertragen. Welche Lösungen bietet das Teilen für ökologische Probleme? Welche wirtschaftlichen und sozialen Folgen ergeben sich daraus, und wo liegen Hürden?

Die IT-Messe CeBIT hat die "Shareconomy" 2013 zu ihrem Leitthema gemacht und damit ein breites Medienecho in Deutschland ausgelöst. "Teilen ist das neue Haben" heißt es in vielen Beiträgen. Auch international wird über den Konsumtrend diskutiert, unter anderem auf der europäischen Internetkonferenz LeWeb 2013. Bereits 2011 zählte das Time-Magazine "Sharing" zu den zehn herausragenden Ideen, die die Welt verändern werden.

Konsum als Wachstumstreiber

Was Menschen besitzen und wie sie konsumieren, spielt eine wichtige Rolle für Wirtschaft und Gesellschaft – vor allem in den Industrieländern. Konsum ist ein wichtiger Faktor und Treiber des Wirtschaftswachstums. Wenn konsumiert wird, verdienen die Hersteller der Konsumgüter, zahlen Steuern und sorgen für Arbeitsplätze – was wiederum den Konsum ankurbelt. 2012 machten private Konsumausgaben 57 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland aus.

Zugleich hat intensiver Konsum ökologische und soziale Schattenseiten, die immer deutlicher zutage treten. Mit der wachsenden Produktion erhöhen sich der Verbrauch an Ressourcen, der Ausstoß von Klimagasen und die Menge an Müll, der wiederverwertet oder entsorgt werden muss. Viele Waren werden aufwendig produziert, aber nur relativ kurz und wenig intensiv genutzt – obwohl sie häufig eine längere Lebensdauer haben könnten. So enthalten Mobiltelefone wertvolle Rohstoffe und sind meist noch gebrauchstüchtig, wenn sie durch neue, modernere Geräte ersetzt werden. Das geschieht oft schon nach ein oder zwei Jahren.

Probleme der "Wegwerfgesellschaft"

Solch ein Lebens- und Konsumstil, bei dem Produkte nur eine kurze Lebensdauer haben, wird von Kritikern auch mit dem Begriff der "Wegwerfgesellschaft" beschrieben. Das Problem dabei ist: Jeder Gegenstand, der hergestellt wird, verbraucht Ressourcen und Energie bei der Herstellung, produziert beim Transport unter anderem Klimagase und muss früher oder später entsorgt werden. Längst nicht alle Produkte werden recycelt.

Mancher Müll, der in den Industriestaaten produziert wird, verursacht weltweit Probleme. So findet sich Plastikmüll mittlerweile auch in Gegenden weitab vom Ursprungsort und gefährdet zum Beispiel Vogelkolonien auf entlegenen Pazifikinseln. Elektroschrott, der giftige Stoffe enthält, landet unter anderem in Afrika, wo er zum Teil unter gefährlichen Bedingungen demontiert wird .

Konsum und Kulturwandel

Verfechter der Idee des "kollaborativen Konsums" beziehungsweise der "Shareconomy" verweisen explizit auf diese Probleme des Massenkonsums. Die Entwicklung hin zu einer "Ökonomie des Teilens" soll ein Beitrag zu einer Lösung sein. Während die verwendeten Begriffe neu sind und einen neuen gesellschaftlichen Trend beschreiben sollen, knüpfen die grundlegenden Ideen an althergebrachte Formen gemeinsamer Nutzung, des Borgens, Leihens, Mietens, Tauschens und Schenkens an. Neu ist dabei die Art, wie digitale Technologien und das Internet genutzt werden.

Das Prinzip ist einleuchtend, wie konkrete Beispiele zeigen: So kommt eine durchschnittliche Bohrmaschine in ihrer gesamten Lebensdauer nur wenige Minuten zum Einsatz. Den Rest der Zeit bleibt das teure Gerät ungenutzt. Dabei brauchen wir nicht den Bohrer, sondern das Loch in der Wand. Das Beispiel wird von der US-amerikanischen Trendfoscherin Rachel Botsman angeführt, die mit ihrem Buch "What’s Mine is Yours" ("Was meins ist, ist auch deins") zu einer prominenten Verfechterin der Shareconomy-Idee geworden ist.

Botsman meint, dass sich die Gesellschaft in einem Kulturwandel befindet, bei dem sich das Verhältnis der Menschen zu den Dingen radikal verändern wird. Der Besitz von neuen Produkten verliere an Bedeutung für sozialen Status und Alltagsleben, so Botsman. Nicht mehr das Eigentum an Dingen zähle, sondern der Zugang zu ihnen.

Teilen und Vertrauen

Tausch- und Teilmodelle brauchen bestimmte Voraussetzungen, damit sie funktionieren. Eine entscheidende Voraussetzung ist Vertrauen. Traditionelle Formen des Teilens blieben meist auf die engen sozialen Zusammenhänge von Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis begrenzt. In diesen persönlichen Beziehungen lässt sich Vertrauen dadurch aufbauen, dass man einander kennt. Eine weitere Voraussetzung ist, Partner zu finden: Wer hat, was ich brauche? Mit wem kann ich teilen?

Mit dem Internet sind die Möglichkeiten gewachsen, Dinge weiterzugeben oder gemeinsam zu nutzen, gewachsen. Internetplattformen haben die Möglichkeiten zum Teilen mit ausgefeilter Technologie erweitert – nicht nur mit Freunden, sondern auch mit Fremden.

Die größte Herausforderung für "Shareconomy"-Projekte liegt darin, neben den technischen Möglichkeiten die Voraussetzungen für das Teilen zu schaffen. Sie müssen Vertrauen herstellen und die Risiken, etwa Missbrauch, minimieren. Und sie müssen einen ausreichend großen Markt schaffen. Dabei brauchen die Plattformen einerseits eine kritische Masse von Teilnehmenden, damit sich das Angebot für die Nutzer lohnt, andererseits sinkt mit steigender Teilnehmerzahl die Übersichtlichkeit.

Das Beispiel der Internetplattform eBay zeigt, wie sich in Online-Netzwerken Vertrauen unter einander unbekannten Menschen aufbauen lässt: Nutzerinnen und Nutzer bewerten und kommentieren einander. Die Zahlungsvorgänge werden über die Plattform organisiert, es gibt zum Teil Sicherungsmaßnahmen gegen Zahlungsausfälle. Eine Plattform wie eBay ist zudem ein zentraler Marktplatz, der die Partner für eine Transaktion erst zusammenbringt.

Vielfältige Möglichkeiten

In der Praxis werden die Begriffe "Shareconomy" und "Ko-Konsum" für eine große Vielfalt von konkreten Möglichkeiten verwendet. Gemeinsam ist ihnen, dass es um das Teilen und Weitergeben geht – in Abgrenzung zum exklusiven Besitzen. Manche Projekte sind kommerziell, andere nicht-kommerziell; bei manchen Ideen geht es um die gemeinsame Nutzung, bei anderen um das Weitergeben gebrauchter Gegenstände an weitere Nutzer; es kann um materielle oder virtuelle Güter gehen, bis hin zu Dienstleistungen, Wissen und Fähigkeiten - wie etwa bei der Reparatur kaputter Gegenstände.

Ein weiteres gemeinsames Merkmal ist, dass die praktische Abwicklung über das Internet stattfindet. Internetplattformen sorgen für die "Peer-to-Peer"-Kommunikation; ihre Funktionen ermöglichen, dass einzelne Personen in direkten Austausch treten können.

Von Secondhand bis Ko-Konsum

Die Bandbreite der "Shareconomy"-Projekte für Gebrauchsgüter reicht von Märkten für Secondhandprodukte über Tausch- und Schenkplattformen bis hin zu Formen des Mietens und Leihens.

Secondhandplattformen ermöglichen eine längere Nutzung von Gegenständen. Für ihre Nutzer bieten sie finanzielle Vorteile und erleichtern es so, gesuchte Güter zu erwerben. Ähnliches gilt für nicht kommerzielle Tauschbörsen. Zwar sind die Gegenstände noch exklusives Eigentum von einzelnen – aber nur noch zeitweise. Auch hier zeigt sich eine alternative Haltung zum Konsum: Ein gebrauchtes Produkt hat seinen Wert, solange es seine Funktion erfüllt. Was man sich anschafft, muss nicht immer auch fabrikneu sein.

Auto oder Abendkleid

Von der Spielekonsole über das Fahrrad bis zum Abendkleid für den Abi-Ball und der Skiausrüstung bietet das Internet mittlerweile zahlreiche Plattformen, auf der Nutzerinnen und Nutzer ihre Sachen verleihen oder verschenken. Auch für Nahrungsmittel, Bücher und Kleidung gibt es digitale Tausch- und Teilprojekte.

Carsharing-Dienste sind die etablierteste Form der "Teilwirtschaft". Lange Zeit galt der Besitz eines eigenen Autos als wichtiges Statussysmbol. Studien zeigen, dass dies bei jüngeren Menschen immer weniger der Fall ist. Auch beim Carsharing leuchtet der Nutzen für die Beteiligten unmittelbar ein: Die meisten Autos stehen den allergrößten Teil des Tages ungenutzt am Straßenrand. Wer auf Carsharing umsteigt, schont nicht nur Ressourcen, sondern kann auch viel Geld sparen.

Gemeinsam fahren und arbeiten

Mittlerweile bieten Privat-Carsharing-Dienste PKW-Besitzern die Möglichkeit, ihr gerade ungenutztes Auto an andere zu vermieten. Mitfahrzentralen bieten Privatleuten eine Mischung aus Produkt, dem Auto, und einer Dienstleistung an. So sorgen diese Dienste für günstigere und Ressourcen schonendere Fahrten vor allem auf längeren Strecken.

Neben Gebrauchsgütern werden zunehmend Räume geteilt. So kommen per Couchsurfing Reisende gratis bei lokalen Bewohnern unter, oder sie mieten sich über kommerzielle Varianten ein Bett oder Zimmer in einem Privathaushalt. In den sogenannten "Coworking Spaces" teilen sich Freiberufler, Studenten oder Start-up-Unternehmer Schreibtische.

Weiterführende Links

Bundesumweltministerium: Unterrichtsmaterialien "Umweltfreundlich konsumieren". Neben dem Arbeitsheft ist eine Handreichung für Lehrkräfte erhältlich.
http://umwelt-im-unterricht.de/medien/dateien/umweltfreundlich-konsumieren-schuelerheftsek/

Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität": Materialien und Gutachten auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung
http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/175745/schlussbericht-der-enquete-kommission

Umwelt im Unterricht: Rio+20: Nachhaltig gestalten und entwickeln
http://www.umwelt-im-unterricht.de/wochenthemen/rio20-nachhaltig-gestalten-und-entwickeln

Bundesumweltministerium: Pressemitteilung zum Umweltwirtschaftsbericht 2011
http://www.bmub.bund.de/presse/pressemitteilungen/pm/artikel/zukunft-made-in-germany-deutschland-waechst-immer-nachhaltiger/

Umweltbundesamt und detektor.fm: Green Radio "Foodsharing"
http://www.umweltbundesamt.de/service/green-radio/foodsharing-essen-teilen-im-netz

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