Hintergrund: Was ist nachhaltiges Bauen?

05. Juli 2012
Olympisches Dorf während der Bauphase

Viele hundert Millionen Euro wurden anlässlich der olympischen Spiele 2012 in London in Gebäude und Infrastruktur investiert – nachhaltig, so die Organisatoren. Von Baustoffen über Energieeffizienz bis hin zu sozialen Aspekten: Was kennzeichnet nachhaltige Bauten?

Gehört zu:

Die Olympischen Sommerspiele 2012 in London sollen die "nachhaltigsten" Olympischen Spiele aller Zeiten werden, so die Organisatoren. Das Nachhaltigkeitskonzept war im Jahr 2005 einer der Hauptgründe dafür, die Olympischen Spiele 2012 an die britische Hauptstadt London zu vergeben.

Das Konzept der Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Es besagt, dass nicht mehr Holz gefällt werden soll, als nachwachsen kann. Heute wird das Konzept umfassender verstanden: Da die auf der Erde vorhandenen Ressourcen endlich sind, müssen sie verantwortungsvoll genutzt werden. Nachhaltigkeit hat drei Dimensionen: Die ökonomische, die ökologische und die soziale. Wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt brauchen auf Dauer eine intakte Umwelt. Übertragen auf Olympia 2012 meint Nachhaltigkeit, dass dieser maßvolle Umgang mit Ressourcen bei den riesigen Investitionen in Sportstätten und Infrastruktur berücksichtigt wird. Dazu gehört auch, dass diese auch nach dem Ende der Olympischen Spiele 2012 weiter sinnvoll genutzt werden.

Alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit sollen bei den Olympischen Spielen in London berücksichtigt werden. Der Begriff der Nachhaltigkeit wird mittlerweile sehr häufig verwendet. In konkreten Projekten geht es jedoch häufig vorrangig um ökologische Aspekte. Beim Nachhaltigkeitskonzept der Olympischen Spiele 2012 wurde explizit darauf geachtet, dass auch die soziale und wirtschaftliche Dimension der Nachhaltigkeit eine gleichwertige Rolle spielt. So sollen im Londoner East End, einer der strukturschwächsten Regionen Großbritanniens, dauerhaft 250 neue Arbeitsplätze entstehen. Generell soll die Attraktivität des östlichen Londoner Stadtteils Stratford für Touristen steigen. Highlight ist der neue, 115 Meter hohe Aussichtsturm ArcelorMittal Orbit im Olympiapark. Dort werden pro Jahr mehr als 800.000 Besucher erwartet.

"London Legacy": nachhaltiges Erbe der Spiele

Während der Wettkämpfe gibt es vielfältige Ansätze für nachhaltiges Handeln. So sollen 70 Prozent des entstehenden Abfalls wiederverwendet, recycelt oder kompostiert werden. Besonders großen Wert legen die Organisatoren darauf, ein langfristig nutzbares "Erbe" ("Legacy") zu hinterlassen. Nach ihren Angaben gibt es momentan (Juli 2012) für sechs von acht Veranstaltungsorten langfristige Nutzungsverträge für die Zeit nach den Wettkämpfen. Mehrere Veranstaltungsorte werden so umgebaut, dass sie nicht mehr allein auf Spitzensport ausgerichtet sind und den Bedürfnissen der Einwohner besser gerecht werden. Einige Einrichtungen werden wieder abgebaut und sind deshalb möglichst unaufwendig geplant.

Das 80.000 Zuschauer fassende Olympiastadion wurde so konzipiert, dass es auf eine Arena mit 25.000 Plätzen verkleinert werden kann. Große Teile der Tribünen sowie der Tragstruktur sind demontierbar. Das Dachtragwerk besteht zu zwei Dritteln aus wiederverwendeten Teilen aus anderen Bauvorhaben – darunter Rohre, die zuvor für Gasleitungen benutzt wurden. Sie sind geringfügig dicker als von den Architekten ursprünglich vorgesehen, dafür konnte aber die Energie für ihre Herstellung eingespart werden.

Die Basketballarena wird nach Ende der olympischen Wettkämpfe wieder abgebaut. Die demontierbaren Tribünen für 12.000 Zuschauer sind vollständig getrennt von der Gebäudehülle aus PVC-Membranen und Stahl-Fachwerkrahmen, um den Abbau und die Wiederverwendung zu erleichtern. Das Gebäude ist unbeheizt; die Kühlaggregate wurden lediglich auf Leihbasis angeschafft. Über 70 Prozent der Zuschauersitze sind schwarz, da schwarzer Kunststoff leichter zu recyceln ist.

Mit dem "olympischen Dorf" sind Unterkünfte für 17.000 Teilnehmer der Spiele entstanden. Sie sind besonders energieeffizient und haben begrünte Dächer. Nach den Wettkämpfen sollen sie zu einem Teil der Stadt werden und 2.800 Wohnungen bieten, darunter fast 1.400 besonders günstige Wohnungen. Dabei wird das ehemalige Olympiagelände einer der am besten an öffentliche Verkehrsmittel angeschlossenen Teile Londons sein.

Umwelt- und Klimaschutz beim Bauen

Der schonende Umgang mit Ressourcen in Gebäuden und beim Bauen ist auch in Deutschland von enormer Bedeutung. Gebäude und Infrastruktur nehmen in Deutschland einen großen Teil der natürlichen Ressourcen Fläche, Energie und Rohstoffe in Anspruch. Hinzu kommt eine hohe Abfallmenge, die bei der Erstellung, Sanierung und schließlich auch beim Abriss von Gebäuden und Straßen entsteht.

Und: Etwa 40 Prozent des Endenergieverbrauchs wird für Heizung, Beleuchtung und Klimatisierung von Gebäuden sowie für Warmwasserbereitung eingesetzt. Dies verursacht etwa 20 Prozent der CO2-Emissionen. Somit gibt es im Gebäudebereich enorme Potenziale, Energie und CO2-Emissionen zu sparen.

Lösungsansätze für nachhaltiges Bauen umfassen daher mehrere Bereiche: den Klimaschutz, Rohstoff- sowie Flächenschonung. Zum Klimaschutz tragen zum Beispiel dämmende Baustoffe oder effiziente Heiz- und Klimatechnik bei. Rohstoffe werden geschont, wenn statt Neubauten bestehende Gebäude genutzt und gegebenenfalls umgebaut werden. Zum Bauen können recycelte Materialien verwendet werden. Zudem gibt es nachwachsende Rohstoffe wie Holz oder Lehm, die als ökologische Alternative zu konventionellen Baustoffen verwendet werden können. Denn diese enthalten zudem zahlreiche Substanzen, die sie an die Luft, den Boden oder ins Grundwasser abgeben. Manche dieser Stoffe können die Umwelt und die menschliche Gesundheit gefährden.

Zum nachhaltigen Bauen gehört auch, dass sich Gebäude in ihre Umgebung einfügen: dass sie nur so viel Fläche in Anspruch nehmen wie nötig, gut an die bestehende Verkehrsinfrastruktur angebunden sind und den Bedürfnissen der Nutzer und Nachbarn gerecht werden.

Einzelne Beispiele zeigen, was möglich ist: So wurde der Neubau des Berliner Dienstsitzes des Umweltbundesamtes als "Netto-Nullenergiehaus" geplant. Es handelt sich um ein Bürogebäude mit 20 Arbeitsplätzen. Die gesamte Energie für den Betrieb des Hauses wird aus regenerativen Energiequellen am Gebäude stammen. Eine Solaranlage auf dem Dach liefert elektrischen Strom, und eine Wärmepumpe stellt Energie aus dem Grundwasser für die Gebäudeheizung zur Verfügung. Im Jahressaldo wird das Gebäude damit eine ausgeglichene Energiebilanz aufweisen. In jedem Raum sollen die Lüftung, Wärmeversorgung und Beleuchtung individuell gesteuert werden können. Die Gebäudehülle ist so dick gedämmt, dass der Heizenergiebedarf unter 15 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter und Jahr liegt. Das ist etwa ein Viertel des Bedarfs eines vergleichbaren, konventionellen Neubaus. Im Gebäude kommen schadstofffreie Baustoffe zum Einsatz, und der gesamte Rohbau samt Fassade ist aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz gefertigt. Auch der Hauptsitz des Umweltbundesamtes in Dessau ist nachhaltig gebaut. Ein virtueller Rundgang zeigt die Details sehr anschaulich: http://www.umweltdaten.de/rundgang/

Auch kleine Schritte schonen Ressourcen

Doch nicht nur in großen Neubauten kann Nachhaltigkeit ihre Anwendung finden. Auch in bestehenden Privathäusern, Wohnungen oder Schulen gibt es viele Möglichkeiten, mit Ressourcen schonend umzugehen. Zum einen können Gebäude nachgerüstet werden – zum Beispiel mit einer besseren Wärmedämmung oder einer effizienten Heizungsanlage. Zum anderen spielen aber auch die Einrichtung und das Verhalten der Nutzer eine wichtige Rolle. Ein einfacher Ansatz ist das Stromsparen beziehungsweise der effiziente Umgang mit Strom. So sollte Licht in ungenutzten Räumen nicht den ganzen Tag brennen. Auch andere technische Einrichtungen wie Computer sollten richtig ausgeschaltet werden, wenn sie nicht benutzt werden. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern senkt auch die Stromrechnung.

Beim Kauf neuer Geräte sollte generell auf die Energieeffizienz geachtet werden. Für Haushaltsgeräte gibt es die verpflichtende Energieverbrauchskennzeichnung. Auch wenn A*** -Geräte möglicherweise mehr kosten, lohnt sich die Anschaffung durch die geringeren Stromkosten auch finanziell. Durch konsequente Stromeinsparung kann ein Drei-bis-Vier-Personen-Haushalt bis zu 432 Euro im Jahr sparen. Nachhaltiges Denken kann an vielen Punkten ansetzen – und viele kleine Schritte führen dazu, dass insgesamt große Einsparungen realisiert werden können.

Weiterführende Links

London 2012 Sustainable Development Strategy (in englischer Sprache)
http://www.london2012.com/documents/oda-publications/oda-sustainable-development-strategy-executive-summary.pdf

Wie nachhaltig ist London 2012? Ein Zwischenfazit von WWF und BioRegional (Zusammenfassung auf Deutsch, Originalstudie in englischer Sprache)
http://www.wwf.de/themen-projekte/nachhaltigkeit-der-olympischen-spiele-2012-in-london

Umweltbundesamt: Nachhaltiges Bauen und Wohnen
http://www.uba.de/uba-info-medien/3952.html

Umweltbundesamt: Energiesparende Gebäude
http://www.uba.de/energie/sparen.htm#3

Bundesumweltministerium und Öko-Institut: Green Champions – Leitfaden für umweltfreundliche Sportgroßveranstaltungen. Enthält Checklisten und gesetzliche Vorgaben (zum Beispiel zu Lärm), die auch für andere Veranstaltungen interessant sind.
http://www.bmu.de/tourismus_sport/downloads/doc/44935.php

Das Umweltbundesamt bietet ein Podcast aus der Reihe "Green Radio" zum Thema nachhaltiges Bauen.
http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-presse/uba-podcast/index.htm#Bauen

Das Umweltbundesamt bietet ein Podcast aus der Reihe "Green Radio" zum Thema Nachhaltigkeit und Olympia 2012 in London.
http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-presse/uba-podcast/index.htm#Olympia

----

Dieser Text steht unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-NC-SA 3.0. Sie dürfen ihn zu allen nicht-kommerziellen Zwecken - also auch für den Unterricht - verwenden und bearbeiten, z.B. kürzen oder umformulieren. www.umwelt-im-unterricht.de muss immer als Quelle genannt werden. Details zu den Bedingungen finden Sie auf der Creative Commons-Website.