Hintergrund

Was ist "sanfter" Tourismus?

Fahrrad mit Reisegepäck

Entspannen und vom Alltag abschalten – das wünschen sich die meisten Deutschen, wenn sie an die Ferien denken. Für viele gehören Urlaub und Natur zusammen. Doch gleichzeitig belasten der Tourismus und dessen Infrastruktur in manchen Urlaubsregionen die Umwelt. Wie lassen sich die Interessen von Urlaubern, der Wirtschaft vor Ort mit Umweltaspekten vereinbaren?

Im Jahr 2011 sind knapp 54 Prozent der Deutschen einmal verreist. Die Reisenden unternahmen insgesamt knapp 70 Millionen Urlaubsreisen mit mindestens fünf Tagen Aufenthalt am Reiseziel. Ein Drittel der Deutschen verreiste innerhalb Deutschlands, ein weiteres Drittel reiste in die Länder rund ums Mittelmeer und das übrige Drittel zu anderen Zielen weltweit. Sich entspannen, abschalten vom Alltag und neue Kraft tanken wünschen sich mehr als die Hälfte der Deutschen, wenn sie an ihre Ferien denken. Für 40 Prozent gehören dabei Urlaub und Naturerleben zusammen – und diese Tendenz ist deutlich steigend.

Tourismus verbraucht Ressourcen

Auch deshalb ist der Tourismus wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig auf eine möglichst intakte Natur und Umwelt angewiesen. Allerdings verbraucht er wie jede andere Branche auch Ressourcen und kann die Umwelt belasten. Vor allem in den ohnehin trockenen südlichen Ländern trägt etwa der Tourismus dazu bei, dass das Wasser noch knapper wird. In einigen Ländern steigt in der Hochsaison der tägliche Verbrauch auf bis zu 850 Liter Wasser pro Kopf. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei rund 122 Litern pro Tag. Das Wasser, das für die kühle Dusche und das Bad im Swimmingpool oder für die Bewässerung von Hotelanlagen und Golfplätzen genutzt wird, fehlt häufig in der Natur und in der Landwirtschaft (siehe auch Hintergrund "Wasserbedarf und Wasserfußabdruck" vom 22. März 2012). Zudem trägt nicht zuletzt die touristische Infrastruktur dazu bei, wichtigen Lebensraum für Tiere und Pflanzen zu zerstören.

Ein enormes Problem sind neben den ökologischen Schäden vor Ort der Energieverbrauch bei der An- und Abreise und die damit verbundenen Treibhausgasemissionen, die maßgeblich für den weltweiten Klimawandel verantwortlich sind. Insgesamt trägt der Tourismussektor nach Schätzungen der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) wegen der An- und Abreise zum Urlaubsort und dem Aufenthalt vor Ort mindestens rund fünf Prozent zu den globalen CO2-Emissionen bei. Werden noch andere Treibhauseffekte neben den CO2- Emissionen berücksichtigt, wie zum Beispiel die besonderen Auswirkungen des Flugverkehrs auf die Atmosphäre, könnte der Anteil des Tourismus am menschengemachten Klimawandel sogar bis zu 12,5 Prozent betragen. Das Flugzeug schneidet bei der CO2-Bilanz auch deshalb besonders schlecht ab, weil Treibhausgase wie Kohlendioxid, die bei der Verbrennung von Kerosin entstehen, in der Höhe mindestens zweimal stärker wirken als am Boden. Zudem sind Abgaspartikel, an denen feuchte Luft kondensiert, verantwortlich für die Bildung von Kondensstreifen und hohen Schleierwolken. Diese vermindern die Wärmeabstrahlung der Erde, was wiederum erheblich zum Klimawandel beiträgt (siehe Hintergrund "Verkehrsmittel und CO2-Emissionen").

Unterschiedliche Interessen

Gleichzeitig sind viele Menschen in den Urlaubsregionen auf Tourismus als wichtigste Einkommensquelle angewiesen. Ein extremes Beispiel sind die Malediven. Mehr als 90 Prozent der Einnahmen des Landes stammen aus Steuern und Einfuhrabgaben der Tourismusbranche. Vor allem Touristen aus Europa suchen Erholung an den Stränden im Indischen Ozean.

Was sich positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes auswirkt, hat eine Kehrseite: Der hohe Energieaufwand, der etwa mit den Flügen, Lebensmittelimporten und der Unterbringung auf den Inseln der Malediven einhergeht, trägt zum Klimawandel bei. Dieser wiederum bedroht diese Inselgruppe besonders, denn er bewirkt einen Anstieg des Meeresspiegels.

Auch in vielen Regionen Deutschlands ist Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. So sind in Bayern über 560.000 Beschäftigte in der Branche tätig. Das Bundesland gilt mit 26 Millionen Besuchen im Jahr als beliebtestes Urlaubsziel in Deutschland. Auch dort ist die Kehrseite des intensiven Tourismus erkennbar: In den Alpen führte die Einrichtung von Skigebieten zu Landschaftszerstörungen und Belastungen für die Tier- und Pflanzenwel

Die Alternative "sanfter" Tourismus

Tourismus muss sich allerdings nicht zwangsläufig negativ auswirken. Im Gegenteil: Er kann auch positive Effekte auf Natur und Landschaft haben, wenn es gelingt, ihn nachhaltig zu gestalten und bei den Reisenden ein Bewusstsein für nachhaltigen Tourismus und damit ein verändertes Reiseverhalten zu schaffen. Wenn dies gelingt, spricht man auch von nachhaltigem oder sanftem Tourismus. Gemeint ist damit, dass bei dieser Form des Tourismus weder Boden noch Wasser oder die Atmosphäre stark beeinträchtigt oder dauerhaft geschädigt werden sowie zur An- und Abreise umweltfreundliche Verkehrsmittel zum Einsatz kommen.

Für touristische Einrichtungen wie Hotels, Restaurants und Freizeitanlagen heißt sanfter Tourismus außerdem, dass ressourcenschonende Techniken genutzt und sparsame Verhaltensweisen gefördert und so Energie und Wasser gespart werden. Auch dazu können die Reisenden selbst ihren Beitrag leisten. Daran erinnert beispielsweise seit Jahren in beinahe jedem Hotelzimmer ein Hinweisschild, das den Reisenden danach fragt, ob die zur Verfügung gestellten Hand- und Badetücher nach einmaliger Benutzung gewaschen werden sollen oder nicht. In vielen Hotels ersetzen mittlerweile auch Shampoo und Bodylotion in großen Spenderflaschen die früheren kleinen und sehr müllintensiven Packungen. Es existieren bereits eine ganze Reihe von Siegeln und Kennzeichnungen, mit deren Hilfe Gäste umwelt- und klimafreundliche Unterkünfte erkennen können. Eine Übersicht findet sich auf der Website "Verträglich Reisen".

Urlaub vor der eigenen Haustür

Zum bewussten Reisen gehört auch die Frage, wohin die Reise gehen soll. Viele Urlaubsmöglichkeiten findet man gerade in Deutschland sprichwörtlich vor der eigenen Haustür. Dazu gehören nicht nur die Küsten im Norden oder die Berge und Seen im Süden. Über ganz Deutschland sind Naturlandschaften verteilt - also Gebiete, die als besonders schützenswert gelten. Darunter sind so unterschiedliche Regionen wie das Wattenmeer oder der Spreewald, der Thüringer Wald oder die Rhön, die Schwäbische Alb oder Berchtesgaden.

Biosphärenreservate zeigen, wie Naturschutz und Tourismus in Deutschland vereinbart werden können. Sie sind Modellregionen, in denen eine bessere Lebensqualität der Menschen mit der langfristigen Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen in Einklang gebracht werden soll. So gibt es in der Oberlausitz "Biosphärenwirte" – das sind Anbieter von Unterkünften, vom naturbelassenen Campingplatz bis zum Öko-Hotel. Sie verpflichten sich zu besonderen Umweltschutzmaßnahmen und informieren ihre Gäste über das Biosphärenreservat.

Einige Schutzgebiete bieten sogar die Möglichkeit, im Urlaub für Umwelt- und Naturschutz aktiv zu werden. Das Bergwaldprojekt vermittelt zwischen Freiwilligen und möglichen Einsätzen in Deutschland und Europa. Die Mitwirkenden pflanzen zum Beispiel Bäume, helfen bei der Pflege der Wälder oder der Renaturierung von Wildbächen.

Die 2007 von der Bundesregierung beschlossene "Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt" sieht vor, die touristischen Angebote in Deutschland zukünftig verstärkt umwelt- und naturverträglich zu gestalten. Bis 2020 sollen demnach mindestens zehn Prozent der Tourismusanbieter ökologische Kriterien erfüllen.

Gütesiegel für nachhaltigen Tourismus

Bei der Suche nach einem Urlaubsziel, das die Kriterien eines nachhaltigen Tourismus erfüllt, hilft auch Viabono, eine Dachmarke für nachhaltigen Tourismus in Deutschland. Sie bietet Verbrauchern Orientierung, wenn es darum geht, umweltbewusst und klimafreundlich zu reisen. Sie berät aber auch Hotels oder Reiseveranstalter, die ihr Angebot in diesem Sinne aus- oder umbauen wollen. Viabono hilft etwa auch Schulen, sich mit dem sogenannten CO2-Kompass darüber zu informieren, welche Art der Klassenfahrt besonders umweltfreundlich ist.

Globaler Ethikkodex für Tourismus

Nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene hat sich die Politik dem Ziel des nachhaltigen Tourismus verschrieben. So gibt es die Europäische Charta für nachhaltigen Tourismus in Schutzgebieten; und die Mitgliedstaaten der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) haben bereits im Jahr 1999 auf ihrer Generalversammlung einen Globalen Ethikkodex für Tourismus beschlossen. Der Kodex richtet sich an alle am Tourismus beteiligten Akteure: an die Regierungen, die globale Tourismuswirtschaft und Gastländer sowie die Reisenden selbst. Seine Schwerpunkte sind, einen Beitrag des Tourismus zum gegenseitigen Verständnis und Respekt zwischen Völkern und Gesellschaften zu fördern, den Tourismus als Faktor für eine nachhaltige Entwicklung zu nutzen sowie den Tourismus und das Kulturerbe der Menschheit und dessen Pflege zu verbinden. Er zeigt allerdings auch Pflichten der an der touristischen Entwicklung beteiligten Akteure sowie die Rechte der Beschäftigten und Unternehmer in der Tourismusindustrie auf. So sollen örtliche Behörden ressourcenschonende Formen des Tourismus fördern.

Weiterführende Links

Bundesumweltministerium: Nachhaltiger Tourismus
http://www.bmub.bund.de/themen/natur-arten/tourismus-sport/nachhaltiger-tourismus/

Bundesamt für Naturschutz: Naturverträglicher Tourismus
http://www.bfn.de/0323_tourismus.html

Stiftung Zukunftsfragen: Tourismusanalyse mit vielen statistischen Daten zum Reiseverhalten der Deutschen
http://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/de/newsletter-forschung-aktuell/236.html

----

Dieser Text steht unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-NC-SA 3.0. Sie dürfen ihn zu allen nicht-kommerziellen Zwecken - also auch für den Unterricht - verwenden und bearbeiten, z.B. kürzen oder umformulieren. www.umwelt-im-unterricht.de muss immer als Quelle genannt werden. Details zu den Bedingungen finden Sie auf der Creative Commons-Website.