Hintergrund: Wie die EU Chemie-Risiken regelt

31. Mai 2012
Putzeimer wird unter dem Wasserhahn befüllt; im Hintergrund Spülmittelflaschen.

Chemikalien gehören zum Alltag und leisten nützliche Dienste. Doch oft haben sie unerwünschte Nebenwirkungen, und bei vielen ist nicht sicher, ob und wie sie Umwelt und Gesundheit schädigen können. Am 1. Juni 2007 trat die EU-Verordnung "REACH" in Kraft. Sie soll helfen, die Gefahren zu minimieren, die von Chemieprodukten ausgehen.

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REACH steht für "Registration, Evaluation, Authorisation of Chemicals". Die Verordnung regelt die Registrierung, Bewertung und Zulassung von Chemikalien auf dem europäischen Markt. Sie vereinheitlicht nationale Regelungen und schafft einen EU-weiten Standard in der Chemikalienpolitik.

Das Ziel von REACH ist es, transparent zu machen, welche Chemikalien in der EU zum Einsatz kommen, welche Eigenschaften sie haben und wie sie verwendet werden. Bestimmte gefährliche Stoffe werden verboten oder dürfen nur beschränkt verwendet werden, für besonders gefährliche Stoffe gibt es ein Zulassungsverfahren.

Was einen Stoff gefährlich macht

Unsere Welt besteht aus chemischen Stoffen beziehungsweise chemischen Verbindungen. Menschen stellen aus den Verbindungen, die sie in der Natur finden, neue "Stoffe" her: Chemikalien. Ob in Reinigungsmitteln oder Medikamenten, Chemikalien gehören zum Alltag und leisten viele nützliche Dienste.

Sie können auch unerwünschte Wirkungen haben. So können Chemikalien die menschliche Gesundheit schädigen: Sie können Haut, Augen und Schleimhäute reizen und verätzen, giftig wirken oder sogar Krebs erzeugen, das Erbgut verändern oder die Fortpflanzung gefährden. Auch auf Pflanzen,Tiere und andere natürliche Organismen kann ein Stoff schädlich wirken. Dann wird er als "umweltgefährlich" bezeichnet. Bei vielen Chemikalien ist nicht bekannt oder umstritten, ob und wie sie schädlich wirken.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass viele von der Industrie hergestellte chemische Stoffe in Mensch und Umwelt nachweisbar sind. Viele werden nicht abgebaut und reichern sich in der Umwelt oder im Körper an.

Wie REACH funktioniert

REACH soll dazu dienen, Risiken für Mensch und Umwelt durch Chemikalien zu vermeiden. Zu diesem Zweck werden alle verwendeten Chemikalien in einem Register erfasst; die Industrie in Europa muss die von ihr verwendeten Stoffe dort anmelden. Bei der Einführung von REACH galt dies zunächst für neu entwickelte Stoffe. Nach und nach sollen jedoch alle Chemikalien auf dem Markt erfasst werden. Stoffe, die nicht registriert sind, dürfen weder hergestellt noch verwendet werden.

Koordiniert wird die Registrierung von der European Chemicals Agency (ECHA), einer EU-Agentur, die mit REACH geschaffen wurde. Bei besonders besorgniserregenden Stoffen entscheidet eine Kommission, ob der Stoff zugelassen, durch einen anderen ersetzt oder in seiner Verwendung beschränkt wird.

Hersteller in der Pflicht

Gemäß den Bestimmungen von REACH sind die Hersteller der Stoffe dafür verantwortlich, dass diese sicher verwendet werden. Zuvor war es meist umgekehrt: Die Behörden wiesen Probleme nach und verpflichteten die Industrie, Abhilfe zu schaffen.

Nun müssen die Unternehmen Daten darüber erheben, ob ein Stoff eine Gefährdung von Gesundheit und Umwelt darstellt ("besonders besorgniserregende Stoffe"). Ist das der Fall, muss der Hersteller aufzeigen, ob und wie der Stoff dennoch sicher verwendet werden kann. Er muss belegen, dass der Nutzen der Anwendung größer ist als das Risiko, das davon ausgeht. Darüber hinaus muss der Hersteller prüfen, ob ein gefährlicher Stoff durch einen ungefährlichen ersetzt werden kann.

Die Hersteller sind verpflichtet, Richtlinien für die sichere Verwendung der Stoffe zu erarbeiten. Sie müssen auch diejenigen darüber informieren, die diese Stoffe anwenden und weiterverarbeiten.

Gefährliche Stoffe im Alltag: Phtalate und Bisphenol A

Immer wieder geraten Chemikalien wegen ihrer möglicherweise gefährlichen Wirkungen in die öffentliche Diskussion. Zwei Beispiele der vergangenen Jahre sind Phthalate und Bisphenol A. Beide sind Industriechemikalien, die als Weichmacher bzw. Stabilisator in der Produktion von Kunststoffen eingesetzt werden.

Phthalate sind Bestandteil von PVC-Produkten, wie Bodenbelägen, Verpackungen und Kinderspielzeug. Sie wurden sogar im Überzug von Tabletten nachgewiesen. Bisphenol A wird als Innenbeschichtung von Lebensmittelverpackungen und Konservendosen, in DVDs, Thermopapier und Babyflaschen verwendet. Weitere Informationen zur Verbreitung und den chemischen Eigenschaften finden sich in den Materialien "Massenchemikalien mit Nebenwirkungen" .

Beide Stoffe können unter Umständen aus dem Material herausgelöst werden oder gasen aus, zum Beispiel bei Erwärmung. So gelangen sie ins Wasser, ins Essen, in die Umwelt und letztlich in den Körper. Dort wirken Phthalate und Bisphenol A wie das weibliche Sexualhormon Östrogen. Tierversuche haben nachgewiesen, dass sie die Fortpflanzungsfähigkeit beinträchtigen können. Bisphenol A stört im Tierversuch zusätzlich die Gehirnentwicklung.

Per- und Polyfluorierte Chemikalien (PFCs)

Eine weitere umstrittene Stoffgruppe sind per- und polyfluorierte Chemikalien (PFCs). Sie werden wegen ihrer besonderen Stabilität hoch geschätzt und unter anderem für besonders widerstandsfähige und regenfeste Textilien sowie Anti-Haft-Beschichtungen für Kochgeschirr verwendet. PFCs sind Kohlenstoffketten, bei denen einige bis alle Wasserstoffatome durch Fluor ersetzt sind. In der Natur kommen PFCs nicht vor. Trotzdem sind sie bereits weltweit in der Umwelt nachweisbar – und sie reichern sich im Körper an. Gefährlich daran ist, dass ein Abbauprodukt der PFCs, die Perfluoroktansäure, wie die Phthalate fortpflanzungsgefährdend wirkt.

Kinder und Chemikalien

Besondere Besorgnis erregt in der öffentlichen Diskussion über schädliche Chemikalien meist die Wirkung auf Kinder. Sie sind besonders gefährdet, da sich ihr Körper noch entwickelt. Ihr geringeres Körpergewicht sorgt dafür, dass schon niedrige Dosen kritisch sind. Reinigungsmittel, Pflanzendünger, Grillanzünder, Medikamente – im Haushalt sind gefährliche Chemikalien überall präsent. Wenn ein Kleinkind zum Beispiel am Docht einer Öllampe lutscht, löst das aufgenommene Öl unter Umständen bereits lebensbedrohliche Atemnot aus. Diese Risiken lassen sich durch einfache Verhaltensregeln minimieren, wie sie zum Beispiel das Bundesamt für Risikobewertung herausgibt. Auf die besonderen Risiken für Kinder soll auch der nationale Kindersicherheitstag am 10. Juni aufmerksam machen. 2012 liegt der Schwerpunkt auf der Vermeidung von Vergiftungen.

Schwieriger wird es bei versteckten Chemikalien wie den Phtalaten, die auch in Plastikspielzeug enthalten sein können. Aber auch Holzartikel können belastet sein, zum Beispiel durch schwermetallhaltige Lacke. Die Verbraucherzentralen raten daher zu Achtsamkeit beim Einkauf von Spielsachen, Babyflaschen und anderem Kinderbedarf. Sie empfehlen unter anderem, auf die speziellen Hinweise (z.B. "phthalatfrei") und einschlägige Prüfsiegel (CE, GS und andere) zu achten.

So wirkt REACH

REACH hat auch für Verbraucherinnen und Verbraucher bereits konkrete Auswirkungen. Lampenöle etwa sollen nur noch in schwarzen Gefäßen verkauft werden, damit Kinder weniger in Versuchung geraten, die giftige Flüssigkeit zu trinken.

Als erster der umstrittenen hormonell wirksamen Stoffe wurde 2011 Octylphenol als besonders bersorgniserregend eingestuft. Bisphenol A wird 2012 erneut kritisch geprüft.

Im Bereich der umweltgefährdenden Stoffe soll 2013 Silber überprüft werden. Das Metall wird als Nanopartikel für antibakterielle Beschichtungen genutzt. Das Nanosilber wäscht sich aus und gelangt so in den Wasserkreislauf. Es ist nachgewiesen, dass Nanosilber für Wasserorganismen giftig ist. Wie es auf den Menschen wirkt, ist dagegen völlig unklar.

Weiterführende Links

Bundesumweltministerium – Überblick zu REACH
http://www.bmu.de/chemikalien/reach/kurzinfo/doc/39992.php

Umweltbundesamt: Bishpenol A – Massenchemikalie mit unerwünschten Nebenwirkungen
http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/3782.pdf

Umweltbundesamt: Phthalate – nützliche Weichmacher mit unerwünschten Nebenwirkungen
http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/3540.pdf

Bundesinstitut für Risikobewertung: REACH – Die neue Chemikalienpolitik in Europa
http://www.bfr.bund.de/cm/238/reach_die_neue_chemikalienpolitik_in_europa.pdf

Kindersicherheit: Vergiftungsunfälle
http://www.kindersicherheit.de/html/vergiften.html

Das Umweltbundesamt bietet ein Podcast aus der Reihe "Green Radio" zum Thema REACH. Das Umweltbundesamt und der BUND haben ein Online-Formular entwickelt, in das Interessierte Strichcodes von Produkten eintragen können. Die Anfrage wird automatisch an den Hersteller geschickt. So sind Fragen zu besorgniserregenden Chemikalien in Alltagsprodukten möglich.
http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-presse/uba-podcast/index.htm#Chemikalien

 

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