Hintergrund

Glück und Wohlstand messen

alter Mann lacht

Lebensqualität und Fortschritt werden meist anhand von Wirtschaftsdaten wie dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Was keinen Marktwert hat, bleibt dabei jedoch außen vor – zum Beispiel viele Umweltschäden oder das subjektive Wohlbefinden der Menschen. Fachleute diskutieren Alternativen. Ihr Ziel: Ein Maßstab für das Glück einer Gesellschaft soll bei konkreten politischen Entscheidungen helfen.

Das Streben nach Glück und Wohlbefinden ist ein grundlegendes Ziel der Menschheit: Das haben die Vereinten Nationen 2012 in einer Resolution anerkannt, die den 20. März zum internationalen Tag des Glücks erklärt. Die Vereinten Nationen kritisieren, dass Fortschritt heute zu einseitig an der wirtschaftlichen Entwicklung gemessen werde. Die Welt brauche ein ausgewogeneres Politikziel, so UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. Denn das heute wichtigste Maß, das Bruttoinlandsprodukt (BIP oder englisch GNP: gross national product), blende die Kosten des Wirtschaftswachstums für die Gesellschaft und die Umwelt aus. Deshalb sollte ein Maßstab für Fortschritt und menschliche Entwicklung stets zu gleichen Teilen ökonomische, soziale und ökologische Aspekte berücksichtigen.

Die UN-Resolution zum Internationalen Tag des Glücks geht auf eine Initiative von Bhutan zurück. Der zwischen Indien und China gelegene Staat bewertet bereits seit den frühen 1970er-Jahren das "Nationalglück" höher als das Nationaleinkommen. Bhutan hat das "Bruttoinlandsglück" als Staatsziel verankert.

Welche Anhaltspunkte zur Messung von Wohlstand und Zufriedenheit der Bevölkerung genutzt werden, wirkt sich auf politische Entscheidungen und somit auf die gesamte gesellschaftliche Entwicklung aus. Wohlstandsindikatoren sollen schließlich dabei helfen, gesellschaftliche Probleme ausfindig zu machen und zu bewerten, wie sich bestimmte Maßnahmen und Entwicklungen auf die Gesellschaft auswirken.

Was ist das Bruttoinlandsprodukt?

Das Bruttoinlandsprodukt eines Landes ist der Wert aller Güter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres erwirtschaftet werden. Das BIP ist üblicherweise einer der wichtigsten Maßstäbe, um den Wohlstand eines Landes zu bewerten. Dafür wird aus dem BIP-Wert für das gesamte Land meist auch ein Durchschnittswert pro Kopf errechnet (engl. GNP per capita).

Die Weltbank bezeichnet das BIP pro Kopf als einen guten ersten Anhaltspunkt, um zu bewerten, welchen allgemeinen Lebensstandard die Durchschnittsbevölkerung genießt. Das hängt mit der Annahme zusammen, dass die Menschen ihre Bedürfnisse umso besser befriedigen können, desto mehr Produkte und Dienstleistungen auf dem Markt angeboten werden. Das BIP hat den Vorteil, dass viele verschiedene Faktoren einfließen und sich in einer einzigen Zahl ausdrücken lassen, die international vergleichbar ist. Erfahrungsgemäß ist das BIP eng mit anderen Messgrößen für das Wohlergehen eines Staates und seiner Bevölkerung verbunden: In Staaten mit höherem BIP pro Kopf sind zum Beispiel meist auch die Lebenserwartung und die Alphabetisierungsrate höher, und es gibt einen besseren Zugang zu Trinkwasser.

Wie wichtig ist wirtschaftlicher Erfolg?

Doch das BIP kann nur begrenzt als Maßstab dafür gelten, was eine Gesellschaft unter Glück beziehungsweise Wohlergehen versteht. Zum einen sagt der Wert nichts darüber aus, wie gleich oder ungleich Wohlstand im Lande verteilt ist, denn das BIP pro Kopf ist nur ein Durchschnittswert. Zum anderen fließen in die Berechnung nur Waren und Leistungen ein, die einen klar zu beziffernden Marktwert haben. Darüber hinaus lässt das BIP außen vor, wie glücklich oder zufrieden die Menschen in einem Land sind und was genau ausschlaggebend für ihr Wohlbefinden ist.

Seit Jahren gibt es daher eine internationale Fachdiskussion darüber, wie Wohlstand über das BIP hinaus gemessen und bewertet werden sollte. Kritiker weisen darauf hin, dass im BIP Umweltschäden und ihre langfristigen Folgen nicht angemessen berücksichtigt werden. Vor allem die Auswirkungen des Klimawandels spielen in der Diskussion eine zentrale Rolle: Wenn zum Beispiel Dürren zunehmen oder flache Küstengebiete überschwemmt werden, wird dies die Existenz von vielen Millionen Menschen weltweit gefährden.

Angesichts der sich heute abzeichnenden weltweiten Veränderungen scheint es nötig, auch die Zukunft zu berücksichtigen, wenn der heutige Zustand der Welt und ihre Entwicklung bewertet werden sollen. Es herrscht weitgehend Einigkeit, dass ein unbegrenzt fortgesetztes Wachstum von Wirtschaft und Wohlstand nach den heute gängigen Maßstäben in absehbarer Zeit die Lebensgrundlagen der Menschheit gefährden wird. In der Fachdiskussion über die Messung des Wohlstands geht es daher auch um die Frage, ob und wie nachhaltiges Wachstum möglich ist. Das heißt: Wie kann Wohlstand – im weltweiten Maßstab – weiter wachsen, ohne dass dabei die Ressourcen und die Tragfähigkeit der Erde überstrapaziert werden?

Ein weiterer Punkt der Diskussion ist die Frage, welche Rolle die subjektive Wahrnehmung der Menschen spielen sollte. Beim BIP bleibt das Glücksempfinden außen vor. Wenn jedoch die subjektive Wahrnehmung als Maßstab für Glück und Wohlergehen einbezogen wird, zeigen sich beim Vergleich mit wirtschaftlichen Kennziffern wie dem BIP zum Teil deutliche Unterschiede. So erreicht Deutschland beim BIP pro Kopf im internationalen Vergleich mit knapp 39.000 US-Dollar Rang 17, so die Daten des Internationalen Währungsfonds für das Jahr 2012. Das südamerikanische Costa Rica liegt dagegen mit rund 12.500 US-Dollar nur auf Rang 77.

Im World Happiness Report von 2013 sieht es ganz anders aus: Hier belegt Costa Rica mit Platz 12 eine Spitzenposition, Deutschland dagegen "nur" Rang 26. Der Bericht wurde unter anderem von der University of British Columbia und dem Canadian Institute for Advanced Research erstellt. Dabei spielten Ergebnisse aus Umfragen eine wichtige Rolle. Unter anderem sollten die Befragten bewerten, wie frei sie ihr Leben gestalten können und wie sie die Unterstützung durch die Gesellschaft, Großzügigkeit und Korruption in ihrem Land wahrnehmen. Neben einem hohen Einkommen und hoher Lebenserwartung waren es vor allem die sehr guten Ergebnisse in diesen Bereichen, die Dänemark, Norwegen und die Schweiz zu den Ländern mit den besten Ergebnissen machten.

Alternative Wohlstandsindikatoren

Es existiert eine Reihe von alternativen Ansätzen, Glück und Wohlergehen zu messen. Dabei geht es meist darum, wirtschaftliche Indikatoren zu erweitern: Zum einen sollen Bedingungen für das subjektive Empfinden von Glück einfließen, zum anderen müssen die Grenzen der Tragfähigkeit des Planeten berücksichtigt werden.

Der bekannteste Index für die Lebensqualität ist der Human Development Index (HDI), der vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) erstellt wird. Er fasst nationale Durchschnittswerte in den grundlegenden Bereichen der menschlichen Entwicklung zusammen. Dazu zählen unter anderem Gesundheit, Bildung, soziale Einbindung, technologischer Fortschritt und Umwelt. Zu den erfassten Daten gehören neben dem Pro-Kopf-Einkommen zum Beispiel Treibhausgasemissionen oder die Lebenserwartung. Aus einer großen Zahl verschiedener Indikatoren wird ein einzelner HDI-Wert errechnet, der es erlaubt, den durchschnittlichen Entwicklungsstand eines Landes einzuschätzen und seine Entwicklung im Laufe der Jahre nachzuverfolgen.

An der Spitze der HDI-Rangliste liegen Norwegen und Australien, Deutschland nimmt Platz 5 ein. Auch Kuba gehört laut HDI zu den hochentwickelten Staaten – es liegt auf Platz 59 , obwohl es beim BIP pro Kopf weltweit auf Platz 103 liegt. Das liegt unter anderem daran, dass Kuba relativ niedrige Werte für Arbeitslosigkeit, Analphabetismus oder Treibhausgasemissionen aufweist.

Auch in Deutschland gibt es politische Initiativen, um neue Wege der Wohlstandsmessung zu finden. Die Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" hat 2013 in ihrem Abschlussbericht einen Vorschlag vorgelegt. Sie empfiehlt ein breiteres und nachhaltigeres Verständnis von Wohlstand. Dabei sollen drei Bereiche gleichberechtigt betrachtet werden: neben materiellem Wohlstand auch der Bereich Ökologie sowie der Bereich Soziales und Teilhabe. Die Kommission nennt dafür zehn Leitindikatoren (siehe nachfolgende Tabelle). Darüber hinaus soll die Überschreitung kritischer Werte als sogenannte Warnlampe betrachtet werden – zum Beispiel bei den globalen Treibhausgasen und bei der Artenvielfalt.

Materieller WohlstandSoziales und TeilhabeÖkologie
Leitindikatoren
BIPBeschäftigungTreibhausgase national
EinkommensverteilungBildungStickstoff national
StaatsschuldenGesundheit (Lebenserwartung)Artenvielfalt national
 Freiheit 
Warnlampen
NettoinvestitionenQualität der ArbeitTreibhausgase global
VermögensverteilungWeiterbildungStockstoff global
Finanzielle Nachhaltigkeit des PrivatsektorsGesundheit (gesunde Lebensjahre)Artenvielfalt global

Nicht-marktvermittelte Produktion (Hinweislampe)

 

Leitindikatoren und Variablen zur Wohlstandsmessung (Auszug) aus dem Bericht der Bundestags-Enquete-Kommission "Wachs­tum, Wohlstand, Lebens­qualität". Quelle: Statistisches Bundesamt, Wie misst man Wohlstand? 

Glück als Verfassungsziel

Weit vorangeschritten ist das Land Bhutan: Dort wird schon seit den 1970er-Jahren die Idee des "Bruttoinlandsglücks" diskutiert (englisch: Gross National Happiness, kurz GNH). Seit 2008 ist in der Verfassung verankert, dass der Staat für das größtmögliche Bruttoinlandsglück sorgen soll. Bhutan misst das Glück seit 2010 in repräsentativen Umfragen. Die Messung soll helfen, die Bedingungen für Menschen zu verbessern, die noch nicht glücklich sind, heißt es auf der eigens eingerichteten Website www.grossnationalhappiness.com (in englischer Sprache). Geplante Gesetze werden daraufhin überprüft, wie sie sich voraussichtlich auf das Bruttoinlandsglück auswirken.

Dabei wird betont, dass das Streben nach Glück ein kollektives Vorhaben ist und über das persönliche Glücksempfinden der einzelnen Menschen hinausgeht. Zum Index gehören neben dem Lebensstandard und Gesundheit auch Bereiche wie die ausgewogene Nutzung der Zeit oder ein intaktes Gemeinschaftsleben. Es sei klar, dass echtes Glück nicht existieren kann, während andere Menschen leiden, so der Premierminister von Bhutan nach der Verfassungsänderung. Glück entstehe nur, wenn Menschen einander dienten, in Harmonie mit der Natur lebten und "die wahre Natur ihres eigenen Bewusstseins" erkennen würden.

Eine "Politik des Glücks" kann ganz konkrete Auswirkungen haben. Steht zum Beispiel die Entscheidung an, ob ein Staat bei knappen Budget eher in den Gesundheitssektor oder die Bildung investiert, kann ein Maßstab wie das Bruttoinlandsglück Informationen liefern, wie die Mittel effektiv verteilt werden sollten.

Weiterführende Links

Deutscher Bundestag: Abschlussbericht der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft"
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/133/1713300.pdf

Bundesregierung: Bericht: Gut leben in Deutschland
https://www.gut-leben-in-deutschland.de/

Umweltbundesamt: Ein Vorschlag für einen nationalen Wohlfahrtsindex
http://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/461/publikationen/3902.pdf

Bundeszentrale für politische Bildung: Wohlstand ohne Wachstum?
http://www.bpb.de/apuz/139180/wohlstand-ohne-wachstum

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