Hintergrund
27.08.2015 | Themenübergreifend

Mitgestalten – die Rechte und Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen

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Grundschule, Sekundarstufe

Wie lässt sich unsere Gesellschaft in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung verändern? Welche Möglichkeiten der Einflussnahme und Partizipation gibt es insbesondere für junge Menschen?

"Zukunft selber machen – Junge Ideen für Nachhaltigkeit" ist der Titel eines Jugendkongresses vom 4. bis 6. September 2015 in Osnabrück. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Jugendliche und junge Erwachsene ihre Ideen umsetzen und auf diese Weise ihre Zukunft selbst gestalten können. Damit stellt der Kongress ein zentrales Anliegen der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in den Mittelpunkt: die Mobilisierung und Beteiligung von jungen Menschen.

Bildung als Grundlage für gesellschaftlichen Wandel

Nachhaltige Entwicklung ist seit dem Gipfeltreffen 1992 in Rio de Janeiro erklärtes Leitbild der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen. Hintergrund ist die Einsicht, dass wir auf lange Sicht nicht auf Kosten der Menschen in anderen Regionen und auf Kosten zukünftiger Generationen leben dürfen. Dieses Leitbild ist mittlerweile auf verschiedensten Ebenen verankert. Auch Deutschland verfolgt eine Nachhaltigkeitsstrategie, das Gleiche gilt für die Europäische Union.

Als nachhaltig wird eine Entwicklung verstanden, die sowohl in Hinblick auf die Umwelt als auch die Wirtschaft sowie die Gesellschaft zukunftsfähig ist. Anders ausgedrückt: Nachhaltige Entwicklung schont die Natur, sichert die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, ist gerecht und trägt dazu bei, dass alle Menschen friedlich zusammenleben. (Mehr zu den Grundlagen im Hintergrundtext "Umwelt und Entwicklung gemeinsam denken")

Voraussetzung für eine solche Entwicklung ist ein umfassender Bewusstseinswandel auf allen Ebenen, heißt es bereits in den Beschlüssen des Rio-Gipfels, der sogenannten Agenda 21. Daher kommt der Bildung eine besondere Rolle zu. Sie muss demnach die Kompetenzen vermitteln, die nötig sind, um nachhaltig denken und handeln zu können. Die Lernenden sollen in die Lage versetzt werden, Entscheidungen zu treffen, welche die Konsequenzen für die Zukunft oder das Leben in anderen Weltregionen berücksichtigen.  

Komplexe Herausforderungen: Beispiel Klimawandel

Dabei gibt es vielfältige Herausforderungen, wie das Beispiel des Klimawandels zeigt. So ist erstens der Gegenstand an sich sehr komplex. Während die Durchschnittstemperatur auf der Erde steigt, kann sich dies in verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich auf das Klima auswirken. Die Veränderungen erfolgen langsam, und ihre konkreten Folgen sind schwer einzuschätzen.

Zweitens ist der Klimawandel ein globales Problem, und eine internationale Abstimmung über Klimaschutzmaßnahmen fällt schwer. Das zeigen die klimapolitischen Verhandlungen im Rahmen der Vereinten Nationen. Grund ist, dass die Vorstellungen von einer gerechten Lösung sehr unterschiedlich sind. Viele Staaten befürchten wirtschaftliche Nachteile, wenn sie sich zu einer deutlichen Begrenzung der Treibhausgasemissionen verpflichten. 

Hinzu kommt drittens, dass sich Klimaschutz nicht einfach "verordnen" lässt. Neben politischen Entscheidungen auf allen Ebenen sind auch Bewusstseins- und Verhaltensänderungen der Bürgerinnen und Bürger nötig. So berührt Klimaschutz auch Alltagsentscheidungen wie die Frage: Fahre ich heute mit dem Auto zur Arbeit oder mit dem Fahrrad? 

Bildung soll Gestaltungskompetenz vermitteln

Wie nachhaltiges Denken und Handeln in der Bildungspraxis vermittelt werden können, ist Kernthema der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Das Konzept BNE zielt darauf, Gestaltungskompetenz zu vermitteln. Die Lernenden sollen zum einen die Fähigkeit erlangen, komplexe Themen wie den Klimawandel zu verstehen. Zum anderen sollen sie befähigt werden, ihr Wissen über nachhaltige Entwicklung anzuwenden.

Die Gestaltungskompetenz lässt sich untergliedern in verschiedene Komponenten: Neben der Fähigkeit, vorausschauend Entwicklungen zu analysieren und zu beurteilen, zählen unter anderem die Fähigkeiten dazu, gemeinsam mit anderen zu planen und zu handeln, an Entscheidungsprozessen teilzuhaben sowie dabei Zielkonflikte erkennen zu können. 

Die UN-Staaten haben sich verpflichtet, das Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung in allen Bildungsbereichen zu stärken – vom Kindergarten über die Schule und berufliche Ausbildung bis hin zu Forschungseinrichtungen und außerschulischer Weiterbildung. Zu diesem Zweck wurde der Zeitraum 2005 bis 2014 zur UN-Weltdekade Bildung für nachhaltige Entwicklung erklärt. Als Nachfolgeprogramm wurde ein Weltaktionsprogramm ins Leben gerufen. Zu seinen zentralen Handlungsfeldern zählt unter anderem die "Mobilisierung der Jugend". 

Bildung für nachhaltige Entwicklung: Mitgestalten lernen

Da BNE auf die Vermittlung von Kompetenzen für das gemeinsame Handeln und Gestalten zielt, stehen in der Bildungspraxis partizipative und projektorientierte Methoden eine zentrale Rolle.

Vor allem im Rahmen der BNE-Dekade ist in Deutschland eine Vielzahl von Projekten umgesetzt worden, welche die Möglichkeiten veranschaulichen. 

Das Recht auf Partizipation

Grundsätzlich sind die Voraussetzungen für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen gut: Sie haben das Recht darauf, unsere Gesellschaft mitzugestalten. Dieses Recht ist unter anderem in der UN-Kinderrechtskonvention sowie in Bundes- und Landesgesetzen festgeschrieben und in verschiedensten Lebensbereichen fest verankert. 

Die Möglichkeiten in der Praxis sind jedoch sehr unterschiedlich. Beteiligung kann verschiedenste Formen annehmen. Es gibt eine Reihe von Ansätzen zur Systematisierung. Zum Beispiel wird nach Aktionsfeld und Reichweite, methodischen Konzepten und Partizipationsniveau unterschieden. 

Unter Aktionsfeld werden der Ort, das Thema und die Akteure verstanden; die Reichweite beschreibt, welche Gruppen einbezogen werden.

Mit methodischem Konzept ist die Art der Umsetzung gemeint. Hier wird unter anderem zwischen informeller und formeller Beteiligung unterschieden. Informell ist zum Beispiel die Beteiligung am Familienalltag – "Wohin fahren wir in den Ferien?" 

Formell ist die Beteiligung nach festen Regeln beziehungsweise in festgeschriebenen Verfahren. Zum Beispiel sind in den Schulgesetzen aller Bundesländer Mitspracherechte der Schüler/-innen vorgesehen. Zu den stellvertretenden Formen zählen zum Beispiel Kinderbeauftragte in Institutionen. 

Das Partizipationsniveau bezeichnet gewissermaßen die Qualität der Beteiligung. Als "echte" Beteiligung wird die Übertragung von Entscheidungsmacht an Kinder und Jugendliche verstanden. Je nachdem, wie diese verteilt ist, werden verschiedene Stufen unterschieden:  

  • Mitsprache und Mitwirkung: Kinder und Jugendliche werden um ihre Meinung gebeten. Sie werden in Beratungsprozesse einbezogen und können ihre Ideen einbringen. Dies fließt in die Entscheidung ein; die Entscheidung liegt jedoch allein bei den Erwachsenen.
  • Mitbestimmung: Kindern und Jugendlichen wird ein Stimmrecht bei Entscheidungen eingeräumt. Es ist gleichwertig mit dem Stimmrecht Erwachsener; die Erwachsenen haben kein Vetorecht. Kinder und Jugendliche tragen somit Mitverantwortung, gegebenenfalls für einen Teilbereich. Die Entscheidung wird gleichberechtigt von Kindern und Jugendlichen und den Erwachsenen getroffen.
  • Selbstbestimmung: Kindern und Jugendlichen wird die alleinige Entscheidungsmacht übertragen, gegebenenfalls für einen Teilbereich. Sie verantworten die Entscheidung allein.  

(Quelle: Nach BMFSFJ, Qualitätsstandards für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, 3. Auflage, Stand März 2015 )

Ein wichtiger Bereich der Beteiligung sind Entscheidungen auf kommunaler Ebene, in Städten und Gemeinden. Hier ist das unmittelbare Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen. In vielen Bundesländern gibt es explizite Bestimmungen darüber, wie diese an der Kommunalpolitik beteiligt werden. Außerdem gibt es einige Rechte, die allen Bürgerinnen und Bürgern zustehen, somit also auch Kindern und Jugendlichen. Dazu gehört zum Beispiel das Fragerecht im Gemeinderat. Außerdem steht ihnen die Möglichkeit offen, Anregungen und Vorschläge zu unterbreiten. 

Gerade in der Kommune können Kinder und Jugendliche erfahren, dass ein Einfluss auf politische Prozesse möglich ist. 

In der Praxis wurde bereits eine Vielzahl von unterschiedlichen Beteiligungsprozessen durchgeführt. Sie reichen von der Beteiligung an der Planung von Freizeiteinrichtungen wie Skateanlagen und Spielplätzen über die Verkehrsplanung bis hin zu politischen Prozessen, zum Beispiel in der Stadtentwicklung.  

Empfehlungen und Standards

Unter anderem aufgrund der Erfahrungen aus Modellprojekten wurden Qualitätsanforderungen formuliert. Demnach darf Beteiligung vor allem nicht beliebig sein; die Anliegen von Kindern und Jugendlichen müssen ernst genommen werden. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nennt in seinen Empfehlungen zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen darüber hinaus unter anderem folgende Standards:

  • Beteiligung ist gewollt und wird von Entscheidungsträgern/Entscheidungsträgerinnen aktiv unterstützt. Es gibt verbindliche Regeln.
  • Beteiligung ist möglich, das heißt: Es wird sichergestellt, dass Kinder und Jugendliche tatsächlich leichten Zugang zum Prozess haben. Themen, Methoden, Ort und Zeit der Angebote werden entsprechend ihren Bedürfnissen gewählt.
  • Die Ziele sind transparent und nachvollziehbar. Alle Entscheidungen werden offengelegt.
  • Es herrscht Klarheit über Entscheidungsspielräume: Mit den beteiligten Kindern und Jugendlichen wird geklärt, wie viel Einfluss sie nehmen können.  

"Nicht warten, bis ihr gefragt werdet"

Die Praxis zeigt, dass längst nicht in allen Beteiligungsfeldern und in allen Projekten, in denen eine Beteiligung von Kindern und Jugendlichen angebracht wäre, diese auch in angemessener Form realisiert wird. 

So lautet eine Empfehlung aus den Praxistipps des Projekts "Soko Klima" zur Öffentlichkeitsbeteiligung bei der Stadtplanung: „Du musst aber nicht darauf warten, dass die Stadt zu dir kommt und dich fragt, ob du dich beteiligen möchtest. Oft wartest du dann vergeblich.“ 

In den Empfehlungen wird betont, dass Eigeninitiative wichtig ist und auch in geregelten Verfahren die informelle Beteiligung eine entscheidende Rolle spielen kann. Eine informelle Beteiligung ist immer möglich. So kann durch kreative Öffentlichkeitsarbeit die öffentliche Meinung beeinflusst werden. Zudem ist es möglich, Entscheidungsträger/-innen ausfindig zu machen und zu versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Auf diese Weise können auch Argumente und Interessen von Kindern und Jugendlichen in Entscheidungen einfließen, die von anderen getroffen werden.  

Weiterführende Links 

Transfer-21: Checkliste Partizipation in Nachhaltigkeitsprojekten in Schulen
http://www.transfer-21.de/index.php?p=114

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Qualitätsstandards für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen
http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationsliste,did=161728.html 

Soko Klima: Info-Heft Beteiligung – Wie kannst du mitmachen
http://soko-klima.ufu.de/methodenkoffer/info-box/ 

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