Hintergrund

"Natur des Jahres" – Marketing für Artenschutz

Gartenwollbiene

Alljährlich küren Verbände und Naturschutzorganisationen eine große Bandbreite an Lebewesen zu "Arten des Jahres". Neben dem bekannten Vogel des Jahres zählen dazu auch Einzeller und Flechte des Jahres sowie ganze Landschaften oder Ökosysteme wie die Flusslandschaft des Jahres. Damit soll die Öffentlichkeit für den Artenschutz sensibilisiert werden.

Angefangen hat es im Jahr 1971, als der Naturschutzbund Deutschland (NABU), damals noch Deutscher Bund für Vogelschutz (DBV), den Wanderfalken zum "Vogel des Jahres" ernannt hat. Dessen Bestände waren massiv bedroht. Inzwischen wird alljährlich eine ganze Bandbreite an Lebewesen im Zuge verschiedenster Kampagnen nominiert. Zur dieser "Natur des Jahres" zählen neben dem Vogel des Jahres zum Beispiel der Fisch, das Wildtier, das Insekt, der Einzeller und das Höhlentier des Jahres ebenso wie die Blume, Alge, Flechte und Flusslandschaft des Jahres.

Kampagnen sollen aufmerksam machen

In erster Linie geht es Verbänden und Naturschutzorganisationen bei der Nominierung darum, die oft wenig bekannten Bedürfnisse der Tier- und Pflanzenarten ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Damit soll die Öffentlichkeit dafür sensibilisiert werden, wie wichtig der Artenschutz beziehungsweise der Schutz der biologischen Vielfalt sind.  

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Artenschutz alljährlich auch am 3. März, dem Tag des Artenschutzes. Der Aktionstag ist ebenfalls eine Maßnahme, um die Öffentlichkeit zu erreichen. Er erinnert an die Verabschiedung des Washingtoner Artenschutzabkommens am 3. März 1973. In Deutschland ist der Tag seit vielen Jahren Anlass für vielfältige Aktionen von Umweltschutzorganisationen. Im Dezember 2013 wurde der 3. März von der Vollversammlung der Vereinten Nationen zum offiziellen Gedenktag "World Wildlife Day" erklärt.  

Welche Arten zählen zur "Natur des Jahres"?

Verschiedene Organisationen ernennen Tier- und Pflanzenarten zu "Arten des Jahres". Der NABU führt eine laufend aktualisierte Liste auf seiner Internetseite unter dem Titel "Natur des Jahres". Dort werden ausgewählte Arten vorgestellt – auch aus den vergangenen Jahren seit 2012. Neben bekannten Auszeichnungen wie Baum oder Vogel des Jahres finden sich dort zahlreiche weitere. Darunter sind auch kurios anmutenden Kategorien wie Einzeller, Spinne und Flechte des Jahres. Neben einzelnen Arten gibt es auch ganze Lebensräume wie Boden oder Flusslandschaft des Jahres.  

Zum "Vogel des Jahres" 2018 wurde der Star ernannt. Die Art wird auch als Gemeiner Star bezeichnet, der lateinische Name ist Sturnus vulgaris. Der Star ist eigentlich weit verbreitet. Doch sein Bestand hat in den vergangenen Jahrzehnten so stark abgenommen, dass er mittlerweile laut der sogenannten Roten Liste als gefährdet gilt.

Die Lebensräume vieler Arten sind bedroht

Neben anderen seltenen und bedrohten Arten wie dem Waldkauz (2017) und der Bekassine (2013) wurden aber auch schon Arten zum "Vogel des Jahres" erklärt, die gegenwärtig nicht gefährdet sind. Auch das hat jeweils einen bestimmten Grund. So wurde im Jahr 2014 der Grünspecht ausgewählt, weil sein bevorzugter Lebensraum allmählich zu verschwinden droht – die Streuobstwiese. Auch der Stieglitz (2016) wurde Vogel des Jahres, weil sich seine Lebensräume stark verändern. Der Vogel ist in Agrarlandschaften und Siedlungsräumen weit verbreitet. Doch die Intensivierung der Landwirtschaft und die zunehmende Bebauung von Brachflächen gefährden seine Nahrungs- und Lebensgrundlagen. 

Bei anderen Kategorien wie Wildtier, Lurch oder Boden des Jahres sind die Begründungen für die Auszeichnung in der Regel ähnlich. Zum Wildtier des Jahres 2018 wurde die Wildkatze ernannt  – eine seltene, streng geschützte Art, deren Lebensräume zunehmend verloren gehen. Sie ist auf naturnahe Wälder und Kulturlandschaften mit vielen Hecken und Gehölzen angewiesen.

Auch beim Lurch des Jahres 2018 – dem Grasfrosch – schwinden die Lebensräume, vor allem wegen der landwirtschaftlichen Nutzung. Als gefährdet gilt diese Art derzeit nicht – im Gegensatz zu früheren Lurchen des Jahres wie der Gelbbauchunke (2014). Sie gilt als stark gefährdet, da sie ihren Lebensraum durch menschliche Eingriffe bereits weitgehend verloren hat. Früher suchte die Unke Überschwemmungsgewässer und Quelltümpel zum Laichen auf, heute muss sie auf temporäre wassergefüllte Fahrrinnen oder auf Kleingewässer im Wald ausweichen. 

Auch dem Boden des Jahres 2018 drohen Gefahren durch menschliche Einflüsse. Es ist der Felshumusboden, der im Hochgebirge vorkommt. Der Klimawandel verstärkt das Risiko, dass die Erosion zunimmt. Auch Freizeitaktivitäten wie Mountainbiking und starke landwirtschaftliche Nutzung können diesem Boden schaden. 

Arten als Botschafter für Ökosysteme

Die Arten des Jahres werden von den Initiatoren der Auszeichnung meist als Beispiel betrachtet – beziehungsweise als "Botschafter" –, um auf Zusammenhänge in der Natur aufmerksam zu machen und um für den Schutz der biologischen Vielfalt insgesamt zu werben. Denn einzelne Arten sind immer in die komplexen Zusammenhänge von Ökosystemen eingebunden.

Biologische Vielfalt oder Biodiversität umfasst die Vielfalt der Arten, deren genetische Vielfalt und die Vielfalt der Ökosysteme. Dabei ist jede einzelne Art bedeutend, denn innerhalb von Ökosystemen bestehen vielfältige Beziehungen zwischen den Arten. Verändern sich die Bestände einzelner Arten oder sterben Arten aus, wird dieses Beziehungsgefüge gestört – auch andere Arten oder ganze Ökosysteme können in Gefahr geraten. Ökosysteme mit einer natürlichen Artenvielfalt sind widerstandsfähiger. 

Biologische Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen

Intakte Ökosysteme sind auch für den Menschen wichtig, denn sie erfüllen verschiedene Funktionen. Oft wird auch von sogenannten Ökosystem-Dienstleistungen gesprochen. 

Intakte Ökosysteme reinigen Luft und Wasser, sorgen für fruchtbare Böden, liefern Nahrungsmittel sowie wichtige Bestandteile für Arzneimittel und haben nicht zuletzt einen enormen Erholungs- und Freizeitwert. Außerdem können sie helfen, die Folgen natürlicher Katastrophenereignisse zu mildern, zum Beispiel Hochwasser, Stürme, Lawinen oder Erosion (siehe auch Spezial: Welchen Wert hat die Natur?). 

Warum ist die biologische Vielfalt bedroht?

Einen wesentlichen Anteil am Verlust der Biodiversität hat der Mensch. Auf vielfältige Weise führen seine Aktivitäten zur Belastung und Zerstörung von Lebensräumen – zum Beispiel durch intensive Landwirtschaft, den Bau von Siedlungen und Straßen, Entwässerung oder Uferbegradigungen.  

Gefährlich können auch sogenannte gebietsfremde Arten sein – Tier- oder Pflanzenarten, die durch den Menschen in ein neues Verbreitungsgebiet gelangen und die heimische Flora und Fauna verdrängen. Und nicht zuletzt überfordern schnelle Veränderungen der Umweltbedingungen wie der voranschreitende Klimawandel die Anpassungsfähigkeit vieler Arten und führen zum Zusammenbruch ganzer Ökosysteme. 

Wie hängen Umweltbewusstsein und Engagement zusammen?

Zwar gibt es eine Vielzahl von rechtlichen Regelungen und Konventionen zum Artenschutz. Dazu zählen internationale Abkommen wie das Washingtoner Artenschutzabkommen oder die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union. Die "Natur des Jahres"-Kampagnen zielen jedoch darüber hinaus darauf, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und das Engagement zu fördern.

Das Potenzial ist groß: Laut den Umfragen zum Umweltbewusstsein, die alle zwei Jahre vom Bundesumweltministerium und dem Umweltbundesamt (UBA) durchgeführt werden, gehört der Umweltschutz aus Sicht der Befragten zu den wichtigsten Problemen der Gegenwart. Gerade bei Jugendlichen ist das Problembewusstsein noch stärker als im Rest der Bevölkerung.

Umweltkommunikation: Wie kann man Menschen erreichen?

Doch zeigt die Umfrage auch, dass die Bereitschaft zu Veränderungen im Alltag oft auf Widerstände und Hindernisse stößt oder an Gewohnheiten der Bürgerinnen und Bürger scheitert. Und bei Jugendlichen herrscht demnach eine gewisse Ratlosigkeit, wie Umweltprobleme sinnvoll zu lösen sind. Eine Lösung für diese Widersprüche kann eine geeignete Form der Kommunikation bieten.  

Für das kommerzielle Marketing gehört die Zielgruppenanalyse schon längst zum Tagesgeschäft: Wer ein neues Produkt erfolgreich auf dem Markt platzieren will, muss die unterschiedlichen Lebensstile, kulturellen Hintergründe und Kommunikationsgewohnheiten seiner potenziellen Kunden im Blick haben. Auch in der Umweltkommunikation ist dieses Instrument entscheidend, wenn man die verschiedenen Zielgruppen erreichen will. 

Manche Menschen können rein argumentativ für mehr Engagement in Sachen Umweltschutz gewonnen werden. Doch nicht bei allen genügt ein Appell an die Vernunft. Manche brauchen eher einen prominenten Akteur als Vorbild oder einen Sympathieträger, der sie emotional anspricht. Hier setzen unter anderem die "Natur des Jahres"-Kampagnen an. Ein anderes bekanntes Beispiel ist der Eisbär "Knut" aus dem Zoo Berlin, der 2007 vom damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zum Symboltier für die Folgen des Klimawandels erklärt wurde. "Knut" war unter anderem auf einer weit verbreiteten Briefmarke zu sehen.  

Einige Umweltkampagnen setzen auch darauf, Menschen unterbewusst zu erreichen. Es werden Botschaften entwickelt, die mit den Interessen und Bedürfnissen der Zielgruppen korrespondieren. Das können zum Beispiel spannende Mitmach-Aktionen oder innovative Bildungsangebote in Science-Centern, Freilichtmuseen sowie Zoologischen und Botanischen Gärten sein oder Freiwilligenarbeit im Naturschutz an ungewöhnlichen Reisezielen. 

Gesundheitsbewusste kann man am besten mit Aktionen erreichen, die auf sportliche Betätigung in der Natur oder auf gesunde Ernährung abzielen. Zweifler, die in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation den Umweltschutz als Wachstumsbremse einschätzen, können gegebenenfalls mit Studien zur Naturschutzökonomie überzeugt werden.  

Angebote und Aktionen zur Natur des Jahres

Entsprechend vielfältig ist das Angebot der Umweltschutzverbände zu ihren "Jahreswesen". So können Interessierte beim NABU umfangreiches Informationsmaterial zu den einzelnen Arten beziehen – von Banner- und Posterausstellungen über Infobroschüren, Flyer und Postkarten bis hin zu Power-Point-Präsentationen. Viele Umwelt- und Naturschutzinitiativen laden zudem Bürgerinnen und Bürger dazu ein, selbst vor Ort bei konkreten Projekten aktiv zu werden. 

Zu den NABU-Angeboten zählen auch sogenannte Aktionsleitfäden – Broschüren, die es unter anderem für den Star oder den Grünspecht gibt. Sie zeigen, wie jede und jeder Einzelne den Lebensraum der Vögel schützen kann. Zum Beispiel, indem man im eigenen Garten naturnah gärtnert und keine Schädlingsbekämpfungsmittel einsetzt. Ähnliche Veröffentlichungen erscheinen auch zu "Jahreswesen" anderer Organisationen wie zum Lurch des Jahres.  

Weiterführende Links

Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU): Natur des Jahres – alle "Jahreswesen” auf einen Blick
www.nabu.de/tiereundpflanzen/naturdesjahres

Bundesamt für Naturschutz: Studien zum Naturbewusstsein (2009–2015)

Anmerkung: Einstellungen zur Biologischen Vielfalt sind Schwerpunkt der Studie von 2013
www.bfn.de/themen/gesellschaft/naturbewusstsein.html

Umweltbundesamt: Umweltbewusstsein und Umweltverhalten
www.umweltbundesamt.de/daten/private-haushalte-konsum/umweltbewusstsein-umweltverhalten

Bundesamt für Naturschutz: Portal zum Bundesprogramm Biologische Vielfalt
http://www.biologischevielfalt.de 

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