Hintergrund
09.01.2014 | Ressourcen | Klima | Energie

Planen und handeln für die Zukunft

UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon auf der Klimaschutzkonferenz in Warschau 2013

Die Welt muss dringend handeln, um für die nachfolgenden Generationen einen lebenswerten Planeten zu gestalten – so die Position vieler Fachleute, die sich mit dem Klimawandel befassen. Viele Lösungsansätze sind bereits bekannt, zum Beispiel der Umstieg auf erneuerbare Energien oder die Einigung auf internationale Klimaschutzabkommen. Doch oft stoßen Veränderungen auf Widerstand. Welche Wege gibt es hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft? Welche Rolle spielt dabei die Bildung – und wie kann der Wandel selbst zum Bildungsinhalt werden?

"Brücken für die Zukunft" lautet das Jahresthema 2014 der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Das Thema soll Anlass sein, sich mit denjenigen drängenden Problemen der Gegenwart zu beschäftigen, die sich bis weit in die Zukunft hinein auswirken. Es gilt, als Gesellschaft in den kommenden Jahren und Jahrzehnten für die nachfolgenden Generationen einen lebenswerten Planeten zu gestalten, so die Initiatoren.

Das BNE-Jahresthema greift die Vorstellung einer "Großen Transformation" auf, ein Begriff, den der Wissenschaftliche Beirat globale Umweltveränderungen der Bundesregierung (WBGU) in seinem Hauptgutachten 2011 geprägt hat. Der Beirat versteht darunter einen tiefgreifenden Wandel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Im Fokus stehen dabei die Folgen des menschengemachten Klimawandels. Der WBGU hält die bisher bestehenden Probleme für lösbar, allerdings sei schnelles Handeln erforderlich.

Der dritte große Umbruch der Menschheitsgeschichte

Die Welt muss sich von der kohlenstoffbasierten Wirtschaftsweise verabschieden, um den Klimawandel zu begrenzen und damit die Lebensgrundlage für die Menschheit zu erhalten. Diese Position ist Grundlage des Hauptgutachtens des WBGU, das 2011 veröffentlicht wurde. Außerdem zeigt der Beirat auf, dass der Wandel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft machbar ist, und nennt konkrete Maßnahmen. Der Beirat wurde 1992 im Vorfeld der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung ("Erdgipfel" in Rio de Janeiro) eingerichtet. Er soll die Bundesregierung als unabhängiges wissenschaftliches Gremium zu Umwelt- und Entwicklungsthemen beraten.

Gleichzeitig hebt der WBGU hervor, dass der notwendige Wandel zur Nachhaltigkeit ein globaler gesellschaftlicher Umbruch sei. Er sei vergleichbar mit den beiden grundlegenden Umbrüchen der Weltgeschichte: der neolithischen Revolution, also der Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht, sowie der industriellen Revolution. Der Weg dorthin erfordere, dass sich Infrastrukturen, Produktionsprozesse und Lebensstile grundlegend verändern. Die Gesellschaften müssten auf eine neue "Geschäftsgrundlage" gestellt werden, so der WBGU.

Die historisch einmalige Herausforderung liegt laut WBGU darin, den Veränderungsprozess zur klimaverträglichen Gesellschaft vorausblickend und gezielt voranzutreiben. Die bisherigen großen Veränderungen der Menschheit seien dagegen weitgehend ungesteuerte, evolutionäre Prozesse gewesen.

Es gebe jedoch Faktoren, die eine Transformation hemmen: So sind politische und wirtschaftliche Entwicklungen komplex, vollziehen sich nur langsam und sind untereinander vernetzt. Sie werden bestimmt von den Interessen verschiedener Gruppen – nicht zuletzt geht es dabei um Geld. Zum Beispiel haben die weltweiten Subventionen für fossile Energien wie Kohle oder Erdgas in den vergangenen Jahren in der Größenordnung von 300 bis mehr als 500 Milliarden US-Dollar gelegen.

Was ist das Problem?

Ein globaler Wandel ist nötig, weil die Menschheit zunehmend an die Grenzen der Leistungsfähigkeit der Erde gelangt (international als "planetary boundaries" bezeichnet). Damit gefährden die Menschen ihre eigene Lebensgrundlage. Der WBGU führt eine Reihe von globalen Entwicklungen an, die gegenwärtig zu beobachten sind, sogenannte "globale Megatrends". Einige von ihnen sind problematisch, zum Beispiel, dass der Ausstoß von Treibhausgasen immer weiter ansteigt. Dort drohen die Grenzen beziehungsweise "Leitplanken" der Entwicklung überschritten zu werden. Es gibt auch – wenige – positive Trends. Dazu gehört zum Beispiel, dass insgesamt die Armut abnimmt.

Der WBGU nennt folgende Trends:

Klimawandel und Versauerung der Meere: Der Ausstoß von CO2 steigt. Dies führt zur Versauerung der Ozeane und trägt zu einer fortschreitenden globalen Erwärmung bei.

Verlust von Ökosystemleistungen und biologischer Vielfalt: Natürliche Ökosysteme werden in zunehmendem Maße durch menschliche Aktivitäten zerstört, zum Beispiel durch die Nutzung von Landflächen für die Landwirtschaft oder durch Überfischung. Da die Weltbevölkerung und ihre Konsumansprüche weiter wachsen, wird auf diese Weise immer mehr Druck auf die Ökosysteme ausgeübt.

Wasser, Böden, Nahrung: Die Nutzung von Süßwasser steigt um zehn Prozent pro Jahrzehnt – nicht nur, weil die Erdbevölkerung kontinuierlich wächst, sondern weil auch immer mehr Wasser für die Landwirtschaft benötigt wird. Wassermangel und Wasserverschmutzung nehmen weltweit zu. Außerdem wird fruchtbarer Boden immer knapper, da immer mehr Landflächen durch Bodenerosion, Überweidung, Versalzung oder Versiegelung degradiert werden.

Globale Energietrends: Die weltweite Nachfrage nach Energie steigt. Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet damit, dass die Nachfrage in den kommenden 20 Jahren auf drastische Weise ansteigen wird. Sollte der Energiebedarf weiterhin aus fossilen Energieträgern gedeckt werden, wäre eine Klimaerwärmung von weit mehr als zwei Grad Celsius unausweichlich.

Bevölkerung und Urbanisierung: Die Weltbevölkerung wird bis 2050 von heute sieben Milliarden auf circa neun Milliarden anwachsen, wobei vor allem die Städte wachsen werden. Durch zunehmenden Wohlstand verbrauchen die Menschen auch immer mehr Nahrungsmittel und Energie. Darüber hinaus wird zusätzlicher Wohnraum benötigt, vor allem in den Entwicklungsländern.

Entwicklung und Demokratisierung: In den vergangenen 20 Jahren hat es grundlegende Fortschritte in verschiedenen Bereichen der menschlichen Entwicklung gegeben. Dazu gehört, dass die Menschen insgesamt gesünder und länger leben und besser ausgebildet sind. Auch die Armut nimmt global betrachtet ab. Ein weiterer positiver Trend ist, dass sich viele Staaten hin zu demokratischen Systemen wandeln. Seit 1975 hat sich die Zahl demokratisch geführter Staaten verdreifacht.

Wechselwirkungen zwischen den Trends

Globale Umweltveränderungen sind auf komplexe Weise miteinander verbunden. Oft treten Wechselwirkungen zwischen mehreren Entwicklungen auf, die zu einer Verstärkung der Umweltprobleme führen. Dies ist vor allem beim Klimawandel der Fall. Wechselwirkungen treten zum Beispiel dann auf, wenn natürliche Ökosysteme wie Wälder, Moore oder Grasland in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt werden. Durch Rodung und Entwässerung gelangen im Boden gespeicherte Kohlenstoffvorräte als CO2 in die Atmosphäre und tragen zur Klimaveränderung bei. Gleichzeitig verschlechtert der Klimawandel die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen, wodurch wiederum die biologische Vielfalt gefährdet ist. Beide Wirkungen verstärken sich gegenseitig.

Solche Zusammenhänge können jedoch auch zum Vorteil genutzt werden. Wenn Wälder und Moore geschützt werden, wirkt das dem Artenverlust entgegen und bremst gleichzeitig die CO2-Belastung.

Was muss sich ändern?

Die globalen Umweltprobleme zu überwinden, sei grundsätzlich technisch machbar und finanzierbar, so der WBGU. Der Beirat benennt eine Reihe von konkreten Maßnahmen für den Wandel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Dazu gehören unter anderem,

  • den CO2-Ausstoß zu verteuern,
  • den Ausbau erneuerbarer Energien durch finanzielle Förderung zu beschleunigen,
  • die klimaverträgliche Landnutzung voranzubringen,
  • die internationale Klima- und Energiepolitik voranzubringen,
  • die Urbanisierung nachhaltig zu gestalten,
  • Investitionen in eine klimaverträgliche Zukunft zu beschleunigen.

Wie Wirtschaft und Gesellschaft am Ende des Transformationsprozesses jedoch konkret aussehen könnten, sei offen, so der WBGU. Der Wandel müsse als offener Suchprozess gestaltet werden.

Nötig sei ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel, mit der postfossilen Gesellschaft als Ziel – und zwar weltweit. Um die nötigen Maßnahmen umzusetzen, brauche es eine internationale Kooperationsrevolution, so der WBGU. Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssten zusammenarbeiten, damit der Wandel gelingt.

Um den Wandel voranzutreiben, misst das Konzept des WBGU auch dem Staat eine starke und aktive Rolle bei. Kritiker des Gutachtens sehen darin teilweise Ansätze einer "Ökodiktatur" . Dem Beirat wurde vorgeworfen, "an der Demokratie vorbei zu tricksen". Tatsächlich betont der WBGU auch, dass eine Transformation demokratisch legitimiert sein müsse. Auch die Bürgerschaft müsse aktiv werden, und ihre Beteiligungsmöglichkeiten müssen gestärkt werden. Offen bleibt jedoch, wie diese Ansprüche konkret miteinander vereinbart werden können.

Der WBGU schlägt als Grundlage für den weiteren Weg einen Gesellschaftsvertrag für die "Große Transformation" vor. Es sollte eine Einigung in den Kernfragen des Zusammenlebens erreicht werden. Individuen, zivilgesellschaftliche Akteure, Staaten, Unternehmen und Wissenschaft sollten gemeinsam Verantwortung für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen übernehmen, indem sie Vereinbarungen für die Erhaltung globaler Gemeinschaftsgüter treffen.

Was hat das mit Bildung zu tun?

Weil heute nicht absehbar ist, wie eine klimaverträgliche nachhaltige Gesellschaft konkret aussehen könnte, spricht der WBGU der Forschung und Bildung eine besondere Rolle zu. Die Wissenschaft hat demnach die Aufgabe, Visionen zu entwickeln sowie technische und soziale Innovationen zu unterstützen. Bildung soll dazu beitragen, Problembewusstsein zu entwickeln und systemisches Denken zu lernen.

Ziel einer solchen Bildung ist, dass Menschen die Transformation mitgestalten und an den Entscheidungsprozessen teilhaben können. Der WBGU regt an, das "Akteursdenken" zu stärken. Das heißt, das Selbstverständnis sollte gefördert werden, dass einzelne Menschen am globalen Wandel teilhaben und mitverantwortlich sind. Das könnte zum Beispiel geschehen, indem Pioniere des Wandels vorgestellt werden.

Im Bildungsbereich decken sich viele Vorschläge des WBGU mit den Konzepten der Bildung für nachhaltige Entwicklung. BNE soll nachhaltiges Denken und Handeln vermitteln. Ihr zentrales Ziel ist, Gestaltungskompetenz zu vermitteln: Sie versetzt Menschen in die Lage, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und ihr Wissen anzuwenden, zum Beispiel, indem sie an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen teilnehmen.

Die "Große Transformation" in der Schule?

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Projekte und Materialien für Schulen entstanden – vor allem im Rahmen der BNE-Dekade – in denen die Mitgestaltung und Mitwirkung der Lernenden an Veränderungsprozessen im Mittelpunkt stehen.

Aktuelle Beispiele für vom Bundesumweltministerium (BMU) geförderte Partizipationsprojekte im Themenfeld Klimawandel sind das Programm Aktion Klima! mobil und SoKo Klima. Aktion Klima! mobil zielt darauf, Schulen mit Partnern aus dem schulnahen Umfeld zusammenzubringen, um gemeinsam Klimaschutzaktionen umzusetzen. SoKo Klima dreht sich um die Frage, wie sich Städtebau und Klimaschutz vereinbaren lassen. Das Projekt unterstützt Schülerinnen und Schüler dabei, sich an Stadtplanungsvorhaben an ihrem eigenen Wohnort zu beteiligen und diesen zukunfts- und klimasensibel mitzugestalten.

Arbeitsmaterialien wie die des Bundesumweltministeriums enthalten Beispiele für die Anwendung von Methoden, die dafür geeignet sind, sich mit den gegenwärtigen globalen Herausforderungen auseinanderzusetzen und zukunftsorientierte Lösungen zu entwickeln. Dazu gehören die Szenariotechnik im Heft "Klimaschutz und Klimapolitik" (Sekundarstufe) und die Zukunftswerkstatt zum Thema "Umweltfreundlich konsumieren".

Auch der WBGU selbst hat zusammen mit der Berliner Senatsverwaltung Unterrichtsmaterialien herausgegeben, die darauf zielen, die globalen Herausforderungen und das Konzept einer gesellschaftlichen Transformation im Unterricht zu thematisieren. Darin finden sich unter anderem ausführliche Informationen zur Anwendung der Design-Thinking-Methode im Projektunterricht. Die Materialien sind kostenlos auf den Internetseiten der Senatsverwaltung Berlin erhältlich.

Weiterführende Links

BNE-Portal: Jahresthema 2014: Brücken in die Zukunft
https://www.unesco.de/bildung/2013/uho-12-2013-bne-jahresthema.html

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Hauptgutachten 2011
http://www.wbgu.de/hauptgutachten/hg-2011-transformation/

WBGU: Comic: "Die Große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve?" Der WBGU hat wesentliche Inhalte seines Hauptgutachtens 2011 in Form eines Comics herausgegeben. Informationen zum Comic
http://www.trafo-comic.blogspot.de/2013/02/buchinformation.html

Begleitende Unterrichtsmaterialien zum Comic
http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/ganzheitliche-bildung/die_grosse_transformation_web.pdf?download.html

Bundesregierung: Nationale Nachhaltigkeitsstrategie
http://www.nationale-nachhaltigkeitsstrategie.de

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