Hintergrund
25.06.2015 | Themenübergreifend

Sorge und Verantwortung: Ethik, Religionen und der Umweltschutz

Planet Erde
Grundschule, Sekundarstufe

In der Enzyklika "Laudato Si" formuliert Papst Franziskus ethische Überlegungen, die sich ausdrücklich auch an andersgläubige oder nicht gläubige Menschen richten. Im Mittelpunkt seiner Argumentationen stehen die besondere Rolle des Menschen und dessen Verantwortung anderen Menschen und der Umwelt gegenüber. Welche umweltethischen Ansätze gibt es? Welche Rolle können ethisch und religiös begründete Werte für das praktische Handeln spielen?

Am 18. Juni 2015 hat Papst Franziskus in Rom die Enzyklika "Laudato Si" vorgestellt. Thema des Textes sind die globalen Umweltprobleme, allen voran der Klimawandel. Franziskus richtet sich ausdrücklich nicht nur an gläubige Katholiken, sondern an "alle Menschen guten Willens". 

Weite Teile des Textes sind einer Beschreibung globaler Umweltprobleme und deren Ursachen gewidmet. Franziskus stützt sich auf den etablierten Stand der Wissenschaft. Unter anderem hat er sich von renommierten Klimaforschern beraten lassen. Ziel des Papstes ist ein neuer weltweiter Dialog, um Lösungen für die Zukunft des Planeten zu finden.

Franziskus formuliert ethische Überlegungen, die sich ausdrücklich auch an andersgläubige oder nicht gläubige Menschen richten. Im Mittelpunkt seiner Argumentationen stehen die besondere Rolle des Menschen und dessen Verantwortung anderen Menschen und der Umwelt gegenüber.

Der Papst fordert eine umfassende "ökologische Umkehr" der Gesellschaft und eine Abwendung vom einseitigen Streben nach finanziellem Gewinn. Dabei fordert er von der Politik, ihre Verantwortung für das Gemeinwohl wahrzunehmen. Wissenschaft und technischer Fortschritt dürften kein Selbstzweck sein, sondern müssten die eigenen Grenzen reflektieren. Darüber hinaus entwirft Franziskus Leitlinien für Menschen christlichen Glaubens. Indem der Glaube Sinn vermittele, könne er helfen, das eigene Verhalten zu ändern und zu einer ökologischen Umkehr zu gelangen.  

Was hat Religion mit Umweltschutz zu tun?

Papst Franziskus beruft sich in der Enzyklika unter anderem auf mehrere seiner Vorgänger sowie auf den katholischen Heiligen Franz von Assisi. Zudem zitiert er ausführlich die Bibel. Demnach liegt es in der christlichen Tradition, sich für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. 

Diese Sichtweise ist nicht allein in der katholischen Kirche zu finden. Die Integrität der Natur zu achten und zu bewahren, sei eine wesentliche Botschaft der Religionen, so heißt es in einer gemeinsamen Erklärung, die Vertreterinnen und Vertreter von neun Religionsgemeinschaften in Deutschland mit Akteuren des Naturschutzes, der Wissenschaft und staatlicher Institutionen veröffentlicht haben. Schon vor Jahrtausenden haben demnach verschiedene Religionen Schöpfungsgeschichten weitergegeben und Regeln für den Umgang mit der Natur erlassen. Die Erklärung geht auf eine Initiative des Bundesamtes für Naturschutz zurück und ist einen Tag nach der Umwelt-Enzyklika des Papstes veröffentlicht worden. 

Wie argumentiert die Umweltethik?

Die religiös begründeten Haltungen gegenüber der Natur weisen vielfältige Anknüpfungspunkte zur weltlichen Philosophie beziehungsweise zur Ethik auf. Als praktische Philosophie beziehungsweise Ethik wird die Lehre von der Begründung handlungsleitender Aussagen bezeichnet. Es geht um die Grundfrage: Was ist "richtiges" Handeln? Ethik fragt, welche Gründe gute Gründe sind und welche Argumente richtig sind. 

Ethische Überlegungen zu der Frage, wie Menschen bezogen auf Natur und Umwelt richtig handeln können, werden meist unter dem Begriff Umweltethik oder ökologische Ethik zusammengefasst. Sie kann als Teil der Bioethik verstanden werden. Diese befasst sich mit der gesamten belebten Umwelt, schließt also auch den Menschen ein. Unter Umweltethik wird keine eigenständige Wissenschaft verstanden; es geht vielmehr darum, allgemeine ethische Überlegungen auf den Umgang mit der Umwelt zu übertragen. Umweltethik im engeren Sinne befasst sich damit, wie Menschen mit natürlichen Ressourcen und Umweltmedien umgehen sollten, beispielsweise mit Wasser, Boden oder der genetischen Vielfalt. 

Perspektiven der Umweltethik: Anthropozentrismus und Biozentrismus

Dass es eine Umweltethik geben muss, leitet sich aus ethischen Grundprinzipien ab. Zu diesen gehört, dass der Mensch ein Recht auf Leben hat und somit seine natürlichen Lebensgrundlagen erhalten werden müssen.

Umweltethische Überlegungen lassen sich grundlegend danach unterscheiden, welche Rolle sie dem Menschen und welche sie anderen Lebewesen zumessen. Sind in das Recht auf Leben nur Menschen eingeschlossen, oder gilt es auch für alle anderen Lebewesen? Welche Wesen oder Dinge haben einen Eigenwert und müssen daher um ihrer Selbst willen berücksichtigt werden? Damit hängt die Frage zusammen, wo sich die Grenzen ziehen lassen zwischen Wesen und Dingen, denen ein Eigenwert zugemessen wird, und denjenigen, für die dies nicht gilt. 

In der Umweltethik lassen sich zwei gegensätzliche Perspektiven ausmachen, Anthropozentrismus und Biozentrismus.

In der anthropozentrischen Sichtweise stehen die Menschen im Mittelpunkt. Der Natur werden keine eigenen Bedürfnisse zugebilligt. Der Mensch darf demnach die Natur so nutzen, wie es ihm dienlich ist. Die Natur muss in dieser Sichtweise erhalten werden, weil sie für die Menschen nützlich ist – einschließlich nachfolgender Generationen. 

In der biozentrischen Sichtweise steht der Mensch nicht über der Natur. Jedes Lebewesen hat demnach grundsätzlich dasselbe Recht auf Lebensentfaltung. Jedes Leben hat einen eigenen Wert und muss geschützt werden. Dieser Wert hängt nicht davon ab, welche Funktion die Natur für den Menschen hat. Streng genommen könnte aus dieser Sichtweise gefolgert werden, dass Eingriffe in die Natur durch den Menschen verboten sind. Jedoch greifen auch andere Lebewesen in die Natur ein. Daher wird es vielmehr als zentrale Folgerung aus der biozentrischen Sichtweise verstanden, dass die menschliche Nutzung der Natur auf das Notwendige beschränkt werden muss. 

Sowohl bei anthropozentrischen als auch biozentrischen Ansätzen werden schnell Probleme deutlich, wenn sie in ihrer extremen Form angewendet werden. Sie eignen sich kaum, um einen Konsens zu finden. Daher finden sich in der Regel eher moderat anthropozentrische oder moderat biozentrische Ansätze beziehungsweise Mischformen. Dabei werden Aspekte der jeweils anderen Sichtweise integriert. Die Übergänge sind zum Teil fließend. 

Umweltethik und Umweltpolitik

Der Begriff der Nachhaltigkeit, der sich international als Leitbild durchgesetzt hat, ist der anthropozentrischen Sichtweise zuzuordnen. Denn hierbei stehen stets die menschlichen Bedürfnisse im Mittelpunkt: Nachhaltige Entwicklung verlange, einen angemessenen Lebensstandard für alle heute lebenden Menschen zu verwirklichen, ohne die Möglichkeiten der zukünftigen Generationen zu gefährden, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. 

Eine prägnante Formulierung hat der Philosoph Hans Jonas gefunden: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." Die Formulierung ist auch als "ökologischer Imperativ" bekannt. Jonas wandelt damit den kategorischen Imperativ Immanuel Kants ab: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass die ein allgemeines Gesetz werde."

Maßgeblich für den Umgang mit der Umwelt sind demnach die Folgen für den Menschen. Dass dabei alle Menschen gleichermaßen einbezogen werden, ist eine Frage der Gerechtigkeit. Zum einen müssen die Bedürfnisse aller heute lebenden Menschen berücksichtigt werden, zum anderen die der zukünftigen Generationen. Wer handelt, ist in der Verantwortung, die Folgen seines Handelns dahingehend zu prüfen. Dieses Prinzip wird auch mit dem Begriff Verantwortungsethik beschrieben.

Der Begriff der Verantwortung wird in ethischen Überlegungen oft in den Zusammenhang mit den besonderen Möglichkeiten der Menschen in Verbindung gebracht. Der Philosoph Hans Jonas machte die technischen Möglichkeiten der Menschen zu einem zentralen Thema. Diese gingen so weit, dass sich die Menschheit selbst auslöschen könne. Auch Papst Franziskus spricht von der Notwendigkeit der Selbstbeschränkung des Menschen angesichts seiner eigenen Macht. Dieser benötige eine Ethik, die ihm wirksame Grenzen setze.

Was haben Werte mit praktischem Handeln zu tun?

Einstellungen und Wertorientierungen hängen nicht direkt mit dem tatsächlichen Verhalten zusammen, das belegt eine Vielzahl von Untersuchungen. Dennoch können ethisch oder religiös begründete Verhaltensregeln eine Rolle für Verhaltensänderungen spielen. 

Die allermeisten Menschen in Deutschland haben zwar eine positive Einstellung zur Umwelt, das belegen Untersuchungen wie die Studie zum Umweltbewusstsein, die alle zwei Jahre im Auftrag des Bundesumweltministeriums durchgeführt wird. Im Alltag wird diese jedoch oft nicht in Verhaltensänderungen umgesetzt. Dies hängt mit den individuellen Möglichkeiten zusammen, mit gesellschaftlichen Konventionen und ermöglichenden und hemmenden Rahmenbedingungen. Außerdem hat die Naturbewusstseinsstudie festgestellt, dass die Bereitschaft, sich für die Erhaltung der Biodiversität einzusetzen, sinkt, je mehr Aufwand und Eigeninitiative gefordert sind. (Mehr zu diesem Zusammenhang im Hintergrundtext "Vom Naturbewusstsein zum Engagement".)

Eine positive Einstellung ist in der Regel weder maßgeblich für das Verhalten noch notwendige Voraussetzung. Es gibt zahlreiche Motive, sich umweltgerecht zu verhalten. Ein wichtiger Faktor für Verhaltensänderungen ist die moralische Wertschätzung. So kann sie das individuelle Handeln beeinflussen, wenn es mehr soziale Anerkennung erfährt. 

Gemeinsame Werte als Basis für Verständigung

Auch in der Umweltpolitik wird deutlich, dass gemeinsame Werte nicht gleichbedeutend mit der Einigkeit bezüglich des konkreten Handelns sind. Ein Beispiel sind die internationalen Verhandlungen über ein Klimaschutzabkommen im Rahmen des Klimaschutzprogramms der Vereinten Nationen. Der Bezug auf gemeinsame Werte kann hier ein Mittel sein, zu einer Verständigung zu gelangen. Dieses Ziel verfolgt auch die päpstliche Umwelt-Enzyklika "Laudato Si".

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat in einem Sondergutachten zu Umwelt und Ethik 1999 Ergebnisse aus internationalen Vergleichen zusammengefasst. Demnach sind die Ziele des Lebenserhalts und die menschliche Unversehrtheit universelle Werte, ebenso der Wunsch nach wirtschaftlicher und persönlicher Entfaltung. 

Die in den verschiedenen Kulturen vertretenen Werte und Normen seien nicht so unterschiedlich, dass man eine jeweils eigene Umweltethik berücksichtigen müsse. Der Beirat empfahl der Politik, sich auf die universelle Gültigkeit grundlegender ethischer Prinzipien zu berufen, wie sie in den Menschenrechtserklärungen zusammengefasst seien. 

Ethische Prinzipien im "religiösen Gewand"

Die ungelösten Fragen bezüglich der globalen Umweltprobleme sind der Hintergrund für die päpstliche Enzyklika "Laudato Si". Sie versteht sich als Aufruf zur Verständigung und zum gemeinsamen Handeln: "Ich lade dringlich zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten. Wir brauchen ein Gespräch, das uns alle zusammenführt, denn die Herausforderung der Umweltsituation, die wir erleben, und ihre menschlichen Wurzeln interessieren und betreffen uns alle", heißt es darin.

Papst Franziskus erkennt ausdrücklich die Vielfalt der Meinungen an. Ein großer Teil des Schreibens beinhaltet die Begründung einer Umweltethik, die unabhängig von bestimmten Konfessionen ist: "Heute sind wir uns unter Gläubigen und Nichtgläubigen darüber einig, dass die Erde im Wesentlichen ein gemeinsames Erbe ist, dessen Früchte allen zugutekommen müssen", fasst er diesen Ansatz zusammen. Ethische Grundsätze "können immer wieder in einem anderen Gewand auftreten und in verschiedenen Sprachen ausgedrückt werden, einschließlich der religiösen".

Darüber hinaus betont Franziskus, dass der katholische Glaube eine besondere Verantwortung beinhalte: Der Schutz der Erde sei "eine Frage der Treue gegenüber dem Schöpfer, denn Gott hat die Welt für alle erschaffen".

Weiterführende Links

Bundesamt für Naturschutz: Naturschutz, Kommunikation und Ethik - Brücken bauen zwischen Theorie und Praxis
www.bfn.de/fileadmin/BfN/service/Dokumente/skripten/skript443.pdf

Bundesamt für Naturschutz: Religionen für biologische Vielfalt – gemeinsame Erklärung
https://www.bfn.de/0401_2015.html?&cHash=e636663b7a7fe71bebed91a7604cbbb7&tx_ttnews%5Btt_news%5D=5488 

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU): Sondergutachten Umwelt und Ethik
http://www.wbgu.de/sondergutachten/sg-1999-umwelt-und-ethik/

Bericht an den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU): Ökologie und Religionen – Eine religionswissenschaftliche Darstellung
https://www.uni-marburg.de/fb03/ivk/mjr/pdfs/1997/articles/pye-kleine-dech1997.pdf

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