Hintergrund

Handyproduktion – Umweltfolgen und Arbeitsbedingungen

Arbeiter in einem Tagebau

1,5 Milliarden Handys wurden 2010 weltweit verkauft, darunter ein großer Anteil Smartphones. Die große Zahl erklärt sich auch dadurch, dass die Geräte oft schnell ersetzt werden: Neue Geräte locken mit besserer Leistung und sind wegen der in Deutschland üblichen Mobilfunkverträge leicht zu bekommen. Und kaputte Geräte lassen sich nur schwer reparieren. Doch die Produktion belastet die Umwelt, die Arbeitsbedingungen sind oft schlecht. Erste Hersteller versuchen, "faire" Geräte zu produzieren.

"Nachhaltige" oder "fair" gehandelte Lebensmittel gibt es in fast jedem Supermarkt. In der Handy- und Smartphone-Branche dagegen spielen faire Produkte bislang so gut wie keine Rolle. Ein neues Unternehmen versucht, dies zu ändern. Es bietet seit Ende 2013 das sogenannte "Fairphone" an, das möglichst umweltfreundlich, sozialverträglich und ressourcenschonend hergestellt werden soll. Auch die Initiative "Phonebloks" bemüht sich um ein faireres Smartphone, dessen Teile austauschbar sein sollen. Ein chinesisches Großunternehmen hat ebenfalls ein modulares Gerät angekündigt.

Der Hersteller des Fairphones ist ein soziales Unternehmen aus den Niederlanden. Es gründete sich 2013 aus einem Forschungsprojekt heraus. Die Beteiligten wollten ursprünglich auf den Zusammenhang zwischen dem Abbau von Tantal im Kongo für die Produktion von Smartphones und der Finanzierung von bewaffneten Konflikten hinweisen. Das Fairphone konnte produziert werden, weil das Projekt in einer sogenannten Crowdfunding-Kampagne finanziert wurde. Tausende Unterstützer zeigten sich bereit, die Entstehung eines fairer produzierten Smartphones durch Spenden mitzufinanzieren. Die ersten 25.000 Geräte waren bereits ausverkauft, bevor sie im Frühjahr 2014 geliefert wurden.

Wie "unfair" kann ein Smartphone sein?

Das Smartphone bietet Telefon, Navigationsgerät, Kamera, MP3-Player und Internetzugang in einem und ist damit für viele Menschen ein ständiger Begleiter. Die Produktgenerationen wechseln in sehr schnellem Takt. Die technische Entwicklung schreitet sehr schnell voran, und viele Nutzer – vor allem Jugendliche – behalten ihre Smartphones häufig nur ein oder zwei Jahre, bevor sie sich für ein anderes, meist technisch hochwertigeres Modell entscheiden.

Doch die Herstellung von Smartphones hat weitreichende Auswirkungen auf Mensch und Natur. So werden zum Beispiel viele seltene Rohstoffe benötigt, die zum Teil unter problematischen Umständen gefördert werden.

In einem Handy oder Smartphone stecken 60 verschiedene Stoffe, davon 30 Metalle. Das Umweltbundesamt (UBA) kritisiert, dass diese Ressourcen zum Teil verschwendet werden, weil Elektronikgeräte unnötig schnell verschleißen. Einzelteile wie Akkus oder Displays lassen sich zudem nicht oder nur teuer austauschen. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher entscheiden sich daher dafür, direkt ein neues Gerät zu kaufen.

Gleichzeitig werden manche Altgeräte nicht korrekt recycelt. Bei sachgemäßer Entsorgung könnten Kunststoffe, Glas und die zum Teil wertvollen Metalle in den Stoffkreislauf zurückgeholt werden. Vor allem Kupfer ist ein wertvolles Metall, das beim Recycling fast vollständig zurückgewonnen werden kann. Ausführliche Informationen zum Recycling von Elektroaltgeräten bietet das Thema Elektroaltgeräte: Abfall oder Goldmine.

Wenn Elektrogeräte dagegen nicht sachgemäß entsorgt werden, kann dies Umwelt und Menschen gefährden. So können Giftstoffe wie Blei austreten und in den Boden oder das Grundwasser gelangen. Illegal exportierte Elektroaltgeräte werden zum Teil unter gesundheitsgefährdenden und unmenschlichen Bedingungen auseinandergenommen.

Auch der Abbau von Rohstoffen hat negative Folgen für die Umwelt: Um an Metalle zu gelangen, werden oft Lebensräume zerstört. So werden in manchen Abbauregionen Urwälder gerodet oder Berge gesprengt, um Tagebaue anzulegen. Es werden außerdem giftige Stoffe verwendet, um Edelmetalle aus dem Gestein zu lösen. Diese Lösungsmittel können in die Gewässer gelangen. Auf den indonesischen Inseln Bangka und Belitung, wo Zinn abgebaut wird, sind Wald- und Wasserflächen zerstört worden und dadurch Tier- und Pflanzenarten bedroht.

Außerdem wird für den energieintensiven Betrieb von Industrieanlagen und den Transport der einzelnen Rohstoffe zur Produktionsstätte viel Öl als Treibstoff benötigt, was CO2 freisetzt und daher das Klima schädigt.

Nicht zuletzt versursacht die IT-Produktion soziale Probleme. Beim Abbau der vielen verschiedenen Rohstoffe und bei der Produktion der Geräte fehlen oft arbeitsrechtliche Standards. In manchen Problemregionen wie der Demokratischen Republik Kongo findet der Abbau von Rohstoffen zum Teil unter unmenschlichen und gefährlichen Bedingungen statt.

Auch in vielen Fabriken, in denen die Geräte zusammengesetzt werden, sind die Bedingungen schlecht. "China Labor Watch" (CLW), eine Nichtregierungsorganisation, die sich für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern in China einsetzt, spricht auch hier von zum Teil unmenschlichen Arbeitsbedingungen. CLW hat von 2010 bis 2011 zehn chinesische Firmen untersucht, die fertige Elektrogeräte an multinationale Konzerne liefern, darunter auch einige Smartphone-Produzenten. Eine deutliche Mehrzahl der Firmen verstieß gegen ganz grundsätzliche Arbeitsrechte: Viele Arbeiter bekamen nur einen Niedriglohn, von dem sie nur durch die Überstunden leben konnten und besaßen keinen Arbeitsvertrag.

Ein faireres Smartphone?

Eine Alternative zu den derzeitigen Produktionsbedingungen ist offenbar nur schwer umsetzbar. So ist das Fairphone selbst laut Angaben des Herstellers nicht hundertprozentig fair. Das Unternehmen betont jedoch, dass es ethische Werte vor technologische Errungenschaft setze und versuche, den Anteil fair produzierter Bestandteile nach und nach zu erhöhen.

Nach anfänglich sehr positiven Reaktionen haben sich zahlreiche Medien kritisch über das Fairphone geäußert. Manche Kritiker betonen, dass andere Hersteller bereits unter ähnlichen Bedingungen produzieren würden. Auch Apple wies zum Beispiel im Frühjahr 2014 nach, kein Tantal mehr aus Minen im Kongo zu beziehen, die von bewaffneten Rebellen kontrolliert werden.

Kritiker werfen Fairphone außerdem Green-Washing vor, da nur ein Bruchteil der Produktionskette unter nachweislich fairen Bedingungen ablaufe und auch nur zwei von 30 Metallen nachweislich "konfliktfrei" produziert werden. Wie ökologisch und sozialverträglich das Fairphone ist, sei aktuell gar nicht zu messen. Die durch den Namen entstehende Verbindung zu Fair-Trade-Produkten sei deshalb irreführend.

Manche Kritiker warnen vor einer klassischen Pro-oder-Kontra-Positionierung. Sie unterstreichen, wie komplex das Vorhaben ist und empfehlen, erst einmal die weitere Entwicklung der Initiative zu beobachten. Erst dann könne sich zeigen, ob faire Produktionsbedingungen überhaupt möglich seien und ob andere, größere IT-Konzerne selbst beginnen, fairere Standards zu setzen.

Auch der Fairphone-Hersteller selbst erklärt, unter anderem neue Standards für die großen Smartphone-Produzenten setzen zu wollen. Und die Verbraucher sollen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass ein allgegenwärtiger Gegenstand wie das Smartphone ein kompliziertes elektronisches Gerät ist, das an allen Stationen seiner Lieferkette große Auswirkungen auf Mensch und Umwelt hat.

Das macht Smartphones fairer

Die Diskussionen über ein faireres Smartphone lassen erkennen, welche Merkmale für ein solches Gerät gelten sollten.

Es sollte modular aufgebaut sein, um einfachere Reparaturen zu ermöglichen. Dazu gehören zum Beispiel Akkus und Displays, die ausgetauscht werden können. Ein solch modularer Aufbau, bei dem einzelne Module austauschbar sind, ist auch das Konzept hinter der Initiative "Phonebloks", die anstrebt, ein Handy möglichst weitgehend aus austauschbaren Modulen zu produzieren. Auch ein chinesischer Konzern hat bereits die Produktion eines modular aufgebauten Smartphones angekündigt.

Es sollten faire Arbeitsbedingungen für alle an der Herstellung beteiligten Menschen gewährleistet werden. Mindeststandards hat zum Beispiel die Internationale Arbeiterorganisation (ILO) formuliert. Es gibt auch im oft kritisierten China Unternehmen, die diese einhalten.

Der Hersteller des Fairphone geht etwas weiter: Knapp zwei Euro pro verkauftem Gerät fließen in einen Sozialfonds für die Arbeiter. In Zukunft sollen die Rechte unter anderem auf kürzere Arbeitszeiten, einen Arbeitsvertrag und ein Versammlungsrecht ausgeweitet werden.

Es sollten keine Rohstoffe verwendet werden, die unter problematischen Bedingungen gefördert werden. Dazu gehören zum Beispiel Tantalerze wie Coltan oder Zinn aus dem Kongo; dort werden mit den Einnahmen aus dem Abbau zum Teil bewaffnete Konflikte finanziert. Mithilfe der Organisation "Solutions for Hope", die Minen im Kongo unterstützt, kann die Einhaltung dieser Richtlinie kontrolliert werden.

Bereits die Hersteller sollten das Recycling berücksichtigen. Fairphone bietet finanzielle Unterstützung für den Aufbau von Elektro-Recyclingstationen in Ländern, in denen es noch keine offizielle Anlaufstelle für Elektroaltgeräte gibt. Auf diese Weise sollen Smartphones, die noch wertvolle Mineralien und Metalle enthalten, wiederverwertet werden und die darin enthaltenen Giftstoffe sachgemäß entsorgt werden.

Nicht zuletzt muss die Einhaltung der genannten Standards überprüfbar sein. Das Unternehmen Fairphone macht Informationen über die Finanzierung und Herkunft der Bestandteile seines Produkts online zugänglich. So ist nachvollziehbar, wie das von den Verbrauchern bezahlte Geld investiert wird.

Was können Verbraucher tun?

Auch Verbraucher haben die Chance, die Lieferkette von Smartphones und anderen IT-Geräten zu beeinflussen. Zum einen haben sie die Möglichkeit, sich über die Produktionsbedingungen von Geräten zu informieren, die sie kaufen möchten. Greenpeace zum Beispiel veröffentlicht jährlich einen "Guide to Greener Electronics" (Website in englischer Sprache), in dem Firmen danach eingestuft werden, wie umweltverträglich ihre Produktion ist. Auch das Umweltbundesamt hat Tipps für Verbraucherinnen und Verbraucher  zusammengefasst.

Doch nicht immer muss es ein neues Gerät sein: Sollte das alte Handy noch funktionieren, lohnt es sich, genau zu überlegen, ob es nicht noch ein paar Monate oder Jahre seinen Zweck erfüllt. Und nicht mehr benutzte Geräte sind für andere Menschen vielleicht doch noch brauchbar und können an Bekannte oder Verwandte weitergegeben werden. Um eventuelle Wünsche nach einem neuen Gerät in geordnete Bahnen zu lenken kann es hilfreich sein, eine Liste zu machen mit den Aspekten, die besonders wichtig sind. Diese hilft bei der Abwägung, welche Funktionen verzichtbar sind und welche nicht.

Um das eigene Smartphone vor Schäden und dem frühzeitigen Austausch zu bewahren, lohnt es sich, eine Schutzfolie auf das Display zu kleben oder es beim Transport in der Tasche in eine Hülle zu stecken. Damit der Akku lange hält, sollte man die Herstellerangaben zum korrekten Laden beachten.

Ist das Gerät kaputt oder fehlerhaft, sollte erst einmal geprüft werden, ob es nicht doch repariert werden kann, zum Beispiel durch Nachfragen im Laden. Das Umweltbundesamt empfiehlt generell, auch auf Gebrauchtgeräte zurückzugreifen. Wer im Falle eines Smartphones befürchtet, ein fehlerhaftes Gerät ohne Garantie zu erwerben, kann zunächst Verwandte und Bekannte fragen, ob sie ein Smartphone haben, das sie aktuell nicht brauchen.

Zudem sollte das alte Handy an einer Sammelstelle oder beim Hersteller abgegeben werden, um die knappen Rohstoffe wieder in den Stoffkreislauf zurückzuführen. Hier setzt auch ein Vorschlag des deutschen Nachhaltigkeitsrates an: Um den Verbrauchern einen Anreiz für das Recycling zu bieten, schlägt der Rat vor, ein Pfand auf Handys einzuführen. Dieser wird zurückgezahlt, wenn das nicht mehr benutzte Gerät zur Recycling-Station oder zum Hersteller gebracht wird.

Weiterführende Links:

Umweltbundesamt: "Green Radio" – Wohin mit den Althandys?
http://www.umweltbundesamt.de/service/green-radio/wohin-den-althandys

Umweltbundesamt: Themenseite Green IT
http://www.umweltbundesamt.de/themen/kein-ex-hopp-mehr-dem-klima-zuliebe/index.htm

Germanwatch: "MakeITfair" – Kampagne für faire und grüne Elektronik mit Hintergrundinformationen
http://germanwatch.org/corp/makeITfair-flyer.pdf

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