Veröffentlicht auf Umwelt im Unterricht: Materialien und Service für Lehrkräfte – BMU-Bildungsservice (http://www.umwelt-im-unterricht.de)

19.11.2020 | Hintergrund

Wohlstand und ein gutes Leben – Alternativen zum BIP

Grundschule, Sekundarstufe

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt weltweit immer noch als der wichtigste Indikator, um die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes und den Wohlstand seiner Bürgerinnen und Bürger zu messen. Jedoch bleiben bei der Berechnung viele Aspekte außen vor – zum Beispiel Auswirkungen auf das Klima, die Umwelt oder das subjektive Wohlbefinden der Menschen. Fachleute diskutieren Alternativen, um derartige Aspekte einzubeziehen. Ihr Ziel: Ein Maßstab für das Wohlbefinden einer Gesellschaft soll bei konkreten politischen Entscheidungen helfen.

Das Streben nach Glück und Wohlbefinden ist ein grundlegendes Ziel der Menschheit. Das haben die Vereinten Nationen 2012 in einer Resolution anerkannt und den 20. März zum internationalen Tag des Glücks erklärt. Er soll die Mitgliedsstaaten daran erinnern, „Glück“ als ganzheitliches Konzept für menschliche Entwicklung und Aspekt einer nachhaltigen Entwicklung wahrzunehmen.

Die Vereinten Nationen verwenden ausdrücklich den Begriff "Glück" (engl. "Happiness"); andere treffende Begriffe für das Konzept sind Lebensqualität oder Wohlbefinden. Denn als wichtigste Größen für das Maß des "Glücks" in einem Land betrachten die Vereinten Nationen unter anderem gesunde Lebenserwartung, individuelle Freiheit und Wirtschaftsleistung.

Die Vereinten Nationen kritisieren in der Resolution, dass Fortschritt oft zu einseitig an der wirtschaftlichen Entwicklung gemessen werde. Für diese wird in der Regel das Bruttoinlandsprodukt (BIP oder englisch GNP: gross national product) betrachtet, der weltweit wichtigste Indikator für die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft.

Doch zum einen blende das Bruttoinlandsprodukt die Kosten des Wirtschaftswachstums für die Gesellschaft und die Umwelt aus, so die Vereinten Nationen, und zum anderen würde das Wohlbefinden der Menschen nicht angemessen erfasst. Deshalb sollte ein Maßstab für Fortschritt gemäß der Zielsetzung der UN für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) ökonomische, soziale und ökologische Aspekte berücksichtigen.

Welche Anhaltspunkte zur Messung von Wohlstand und Zufriedenheit der Bevölkerung genutzt werden, ist deshalb wichtig, weil sie die Grundlage für viele politische Entscheidungen bilden. Indikatoren wie das BIP sollen dabei helfen zu bewerten, wie sich bestimmte Maßnahmen auf die Gesellschaft auswirken. Somit wirkt sich die Wahl der Indikatoren auf die gesamte gesellschaftliche Entwicklung aus.

Was ist das Bruttoinlandsprodukt?

Das Bruttoinlandsprodukt eines Landes ist üblicherweise einer der wichtigsten Maßstäbe, um den Wohlstand eines Landes zu bewerten. Es beziffert den Wert aller Güter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres erwirtschaftet werden. Dafür wird aus dem BIP-Wert für das gesamte Land meist auch ein Durchschnittswert pro Kopf errechnet (engl. GNP per capita).

Die Weltbank bezeichnet das BIP pro Kopf als einen guten ersten Anhaltspunkt, um zu bewerten, welchen allgemeinen Lebensstandard die Durchschnittsbevölkerung genießt. Das hängt mit der Annahme zusammen, dass die Menschen ihre Bedürfnisse umso besser befriedigen können, desto mehr Produkte und Dienstleistungen auf dem Markt angeboten werden. Das BIP hat den Vorteil, dass viele verschiedene Faktoren einfließen und sich in einer einzigen Zahl ausdrücken lassen, die international vergleichbar ist.

Erfahrungsgemäß ist das BIP eng mit anderen Messgrößen für das Wohlergehen eines Staates und seiner Bevölkerung verbunden: In Staaten mit höherem BIP pro Kopf sind zum Beispiel meist auch die Lebenserwartung und die Alphabetisierungsrate höher, und es gibt einen besseren Zugang zu Trinkwasser.

Wirtschaftsleistung als Maßstab: Wie lautet die Kritik?

Doch das BIP kann nur begrenzt als Maßstab für das "Glück" – im Sinne von Wohlergehen beziehungsweise Lebensqualität – einer Gesellschaft verwendet werden. Zum einen sagt der Wert nichts darüber aus, wie gleich oder ungleich Wohlstand im Lande verteilt ist, denn das BIP pro Kopf ist nur ein Durchschnittswert.

Zum anderen fließen in die Berechnung nur Waren und Leistungen ein, die einen klar zu beziffernden Marktwert haben. Darüber hinaus lässt das BIP außen vor, wie zufrieden die Menschen in einem Land sind und was genau ausschlaggebend für ihr Wohlbefinden ist.

Kritiker weisen außerdem darauf hin, dass im BIP keine Umweltschäden und ihre langfristigen Folgen berücksichtigt werden. Es könne Naturzerstörungen sogar begünstigen. Zum Beispiel würde sowohl die Abholzung von Wäldern einen volkswirtschaftlichen Gewinn erbringen als auch die Reparaturmaßnahmen, wenn anschließend Berghänge ins Rutschen geraten und diese befestigt werden müssen, argumentiert der deutsche Biologe und Philosoph Andreas Weber.

Auch die Auswirkungen des Klimawandels spielen in der Kritik am BIP als Wohlstandsindex eine Rolle. Wenn zum Beispiel Dürren zunehmen oder flache Küstengebiete überschwemmt werden, wird dies die Existenz von vielen Millionen Menschen weltweit gefährden. Das BIP spiegelt die Folgen solcher Entwicklungen für das Wohlergehen der Menschen nicht angemessen wider.

Es herrscht weitgehend Einigkeit, dass ein unbegrenzt fortgesetztes Wachstum von Wirtschaft und Wohlstand nach den heute gängigen Maßstäben in absehbarer Zeit die Lebensgrundlagen der Menschheit gefährden wird. In der Fachdiskussion über die Messung des Wohlstands geht es daher auch um die Frage, ob und wie nachhaltiges Wachstum möglich ist. Das heißt: Wie kann Wohlstand – im weltweiten Maßstab – weiterwachsen, ohne dass dabei die Ressourcen und die Tragfähigkeit der Erde überstrapaziert werden? Oder: Brauchen wir eine andere Definition von Wohlstand?

Nicht alles, was zählt, ist zählbar

In alternativen Ansätzen zur Messung des Wohlstands stehen die Situation des Menschen beziehungsweise die subjektive Wahrnehmung im Mittelpunkt. Beim BIP bleibt das Empfinden der Menschen außen vor.

Wenn jedoch die subjektive Wahrnehmung als Maßstab für gutes Leben und Wohlergehen einbezogen wird, zeigen sich beim Vergleich mit wirtschaftlichen Kennziffern wie dem BIP zum Teil deutliche Unterschiede. So erreicht Deutschland beim BIP pro Kopf im internationalen Vergleich mit knapp 48.520 US-Dollar Rang 18, gemäß den Berechnungen der Weltbank für das Jahr 2019. Costa Rica liegt dagegen mit rund 11.700 US-Dollar nur auf Rang 66.

Im World Happiness Report von 2020 sieht es ganz anders aus: Hier belegt Costa Rica mit Platz 15 eine Spitzenposition, zwei Positionen vor Deutschland, das trotz seines hohen BIP "nur" Rang 17 belegt.

Der Bericht wurde unter anderem von der University of British Columbia und dem Canadian Institute for Advanced Research erstellt. Dabei spielten Ergebnisse aus Umfragen eine wichtige Rolle. Unter anderem sollten die Befragten bewerten, wie frei sie ihr Leben gestalten können und wie sie die Unterstützung durch die Gesellschaft, Großzügigkeit und Korruption in ihrem Land wahrnehmen.

In der Ausgabe aus dem Jahr 2020 untersucht der Weltglücksreport zum ersten Mal auch, ob die Umwelt einen Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen haben kann. Die Untersuchungen zeigten deutlich, dass besonders der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen und Luftschadstoffen das Wohlbefinden beeinflussen.

Neben einem hohen Einkommen und einer hohen Lebenserwartung waren es vor allem die sehr guten Ergebnisse in diesen Bereichen, die Finnland, Dänemark, die Schweiz, Irland und Norwegen zu den Ländern mit den besten Ergebnissen machten.

Alternative Wohlstandsindikatoren

Es existiert eine Reihe von alternativen Ansätzen, gutes Leben und Wohlergehen zu messen. Dabei geht es meist darum, wirtschaftliche Indikatoren zu erweitern: Zum einen sollen Bedingungen für das subjektive Empfinden der Menschen einfließen, zum anderen müssen die Grenzen der Tragfähigkeit des Planeten berücksichtigt werden.

Der bekannteste Index für die Lebensqualität ist der Human Development Index (HDI), der seit 1990 vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) erstellt wird. Er berücksichtigt nicht nur das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, sondern auch die Lebenserwartung und den Bildungsgrad der Bevölkerung. An der Spitze der HDI-Rangliste liegen 2019 Norwegen, Schweiz und Irland. Deutschland nimmt Platz 4 ein. Faktoren wie politische Freiheit oder die Ökologie werden von diesem Index jedoch nicht berücksichtigt. Außerdem fließen soziale Ungleichheiten und Einkommensunterschiede innerhalb eines Landes kaum in die Bewertung eines Landes ein.

Auch in Deutschland gibt es seit einigen Jahren politische Initiativen, um bei der Bewertung von Wohlstand neben dem BIP auch Faktoren wie Lebensqualität und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu berücksichtigen. Die Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" hat 2013 vorgeschlagen, "Wohlstand" neu zu definieren und neue Messungen vorzunehmen, die neben dem Materiellen auch die Ökologie und das Soziale berücksichtigen.

Ein alternativer Ansatz wurde bereits im Auftrag des deutschen Umweltbundesamtes von Wissenschaftlern/Wissenschaftlerinnen entwickelt: der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI). In diesem Indikator für Wohlstand werden sowohl wohlfahrtssteigernde als auch wohlfahrtsmindernde Aktivitäten berücksichtigt. Der NWI ist in der Lage, auch Umweltkosten und den Verbrauch nicht erneuerbarer Energien zu erfassen. Soziale Faktoren wie Ehrenamt, die Arbeit im Haushalt sowie volkswirtschaftliche Kosten, die durch Kriminalität entstehen, fließen ebenso ein.

Der Vergleich mit dem BIP zeigt deutliche Unterschiede. So gab es von 1991 bis 1999 einen Anstieg sowohl beim BIP als auch beim NWI. Danach stieg das BIP weiter, der NWI sank. Ursache war vor allem die steigende Ungleichheit bei der Einkommensverteilung. Von 2005 bis 2013 gab es kaum Schwankungen beim NWI, seit 2013 entwickelt er sich positiv.

Während sich die Ungleichverteilung der Einkommen negativ auf den Index auswirkte, gab es eine leichte Verbesserung bei anderen negativen Einflüssen – insbesondere durch die Verringerung von Umweltbelastungen.

Der NWI wird ausdrücklich als Erweiterung des BIP verstanden und bezieht mehr Faktoren ein, die relevant für das menschliche Wohlergehen sind. Jedoch ist das Ergebnis wie beim BIP eine einzelne Kennzahl, die eine Vielzahl von Faktoren zusammenfasst, sodass ihre Aussagekraft begrenzt ist.

"Glück" als Verfassungsziel

Das kleine Land Bhutan diskutiert das "Bruttoinlandsglück" (englisch: Gross National Happiness, kurz GNH) bereits seit den 1970er-Jahren. Seit 2008 ist in der Verfassung verankert, dass der Staat für das größtmögliche Bruttoinlandsglück sorgen soll. Zwei Jahre später begann der Staat das Glück in repräsentativen Umfragen dann systematisch zu messen.

Diese Erhebungen helfen, die Bedingungen für Menschen zu verbessern, die noch nicht glücklich sind, heißt es auf der eigens eingerichteten Website www.grossnationalhappiness.com (in englischer Sprache). Geplante Gesetze werden daraufhin überprüft, wie sie sich voraussichtlich auf das Bruttoinlandsglück auswirken.

Eine "Politik des Glücks" kann ganz konkrete Auswirkungen haben. Steht zum Beispiel die Entscheidung an, ob ein Staat bei knappem Budget eher in die Wirtschaftsförderung oder die Bildung investiert, kann ein Maßstab wie das Bruttoinlandsglück Informationen liefern, wie die Mittel effektiv verteilt werden sollten.

Am Beispiel Bhutan wird deutlich, dass es unterschiedliche Interpretationen von "Glück" gibt. Zum Beispiel wird dort betont, dass das Streben nach Glück ein kollektives Vorhaben ist und über das persönliche Glücksempfinden der einzelnen Menschen hinausgeht. Es sei klar, dass echtes Glück nicht existieren kann, während andere Menschen leiden, so der Premierminister von Bhutan. Nach diesem Verständnis bedeutet das "Glück" der Gemeinschaft etwas anderes als die Summe des "Glücks" der einzelnen Bürger/-innen. Außerdem führt er an, dass "Glück" nur entstehe, wenn Menschen einander dienten, in Harmonie mit der Natur lebten und "die wahre Natur ihres eigenen Bewusstseins" erkennen würden. Es wird deutlich, dass eine solche Vorstellung des "Glücks" auf spezifischen kulturellen und religiösen Vorstellungen beruht.

Die Deutschen sind so glücklich wie noch nie

Zwar stehen in den Medien und öffentlichen Debatten oft Probleme im Mittelpunkt, dennoch scheint die Zufriedenheit der Deutschen stetig zu wachsen, zeigen Umfragen. Zum Beispiel wird im"Glücksatlas" seit 2010 durch Umfragen und durch die Auswertung von sozioökonomischen Daten jährlich die Stimmung in den einzelnen Bundesländern erfasst. Dabei spielen die Kategorien Wohnen, Familie, Freizeit, Arbeit, Gesundheit und Einkommen eine Rolle. Herausgegeben wird der Glücksatlas vom Unternehmen Deutsche Post DHL.

Der wichtigste Faktor für die wachsende Zufriedenheit ist laut Studie, dass es den Menschen in Ostdeutschland zunehmend besser geht. Die anhaltend niedrige Arbeitslosenrate, die guten Lohnabschlüsse und die insgesamt gute Gesundheitssituation der Bevölkerung haben dazu geführt, dass die Menschen in den neuen Bundesländern immer zufriedener werden. Die glücklichsten Menschen in Deutschland leben laut der Studie in Schleswig-Holstein.

Mit Blick auf die Corona-Pandemie wurde die Zufriedenheit der Bürger/-innen bisher nur leicht beeinträchtigt. Viele der Befragten gehen davon aus, dass sie schnell wieder genauso zufrieden sein werden wie vor der Pandemie.

Weiterführende Links

World Happiness Report 

https://worldhappiness.report

Umweltbundesamt: Nationaler Wohlfahrtsindex
https://www.umweltbundesamt.de/indikator-nationaler-wohlfahrtsindex#die-wichtigsten-fakten

Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP): Bericht über die menschliche Entwicklung
http://hdr.undp.org/sites/default/files/hdr_2019_overview_-_german.pdf 

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