Antarktis: Schutzgebiete fördern und verstehen
Fritz Hertel, Umwelt Bundesamt
- Einleitung
- Begriffe kurz erklärt: Wer schützt die Antarktis?
- Antarktisschutz: Die Rolle der Schutzgebiete
- Forschen vor Ort: Kartierung
- 1. Artenvielfalt und Bestandsmonitoring
- 2. Schadstoffanalyse
- 3. Bewegungsprofile (Tracking)
- 4. Ozeandaten erheben
- Zukunftsperspektiven: Warum der Schutz der Antarktis uns alle angeht
- Bezug auf den Alltag junger Menschen
- Quellen und weiterführende Informationen
Einleitung
Die Antarktis ist weit mehr als nur Eis und Schnee. Sie spielt eine entscheidende Rolle für das Weltklima und beheimatet eine Vielzahl spezialisierter Tierarten. Doch dieses natürliche und einzigartige Ökosystem ist gefährdet: Die Klimakrise, die zunehmende Schifffahrt, wissenschaftliche Infrastruktur sowie der Tourismus bedrohen das empfindliche ökologische Gleichgewicht. Immer deutlicher spiegelt die Antarktis heute anthropogene – also vom Menschen verursachte – Veränderungen wider.
Aktuell verpflichten sich 58 Vertragsstaaten mit dem Antarktisvertrag dauerhaft zum Schutz und zur ausschließlich friedlichen Nutzung des Gebiets südlich des 60. Breitengrads. Der Vertrag sowie darauf aufbauende Abkommen bilden als Antarktisvertragssystem die völkerrechtliche Grundlage für den Erhalt dieser Region. Ein wesentlicher Bestandteil ist die Ausweisung besonderer Schutzgebiete, die im Umweltschutzprotokoll zum Antarktis-Vertrag geregelt sind. Im Juni 2024 wurden die Danger Islands, eine Inselgruppe an der östlichen Spitze der Antarktischen Halbinsel, offiziell als besonders geschütztes Gebiet (Antarctic Specially Protected Area, ASPA Nr. 180) ausgewiesen. Damit übernimmt Deutschland erstmals die Verantwortung für ein solches Schutzgebiet in der Antarktis.

Mustafa, O., Esefeld, J., Pfeifer, C., & Rümmler, M.-C. (2024). Identifizierung schützenswerter Gebiete mit fernerkundlichen Methoden zum Zwecke der Ausweitung des kohärenten Netzwerks an Schutzgebieten in der Antarktis. Texte, 99/2024, 243.
Begriffe kurz erklärt: Wer schützt die Antarktis?
Um die rechtliche Lage in der Antarktis zu verstehen, hilft ein Blick auf die wichtigsten Abkürzungen und Verträge:
- Antarktisvertrag (1959): Ein völkerrechtliches Abkommen, das festlegt, dass die Antarktis friedlich genutzt werden darf. Militärische Aktivitäten und der kommerzielle Bodenschatzabbau sind verboten. Die bis zum Inkrafttreten des Vertrages erhobenen Gebietsansprüche sind „auf Eis gelegt“ und haben keine rechtliche Wirkung; neue Gebietsansprüche dürfen nicht erhoben werden.
- Umweltschutzprotokoll (USP): Seit 1998 ergänzt es den Vertrag und erklärt die Antarktis zu einem „Naturreservat, dem Frieden und der Wissenschaft gewidmet“.
- ASPA (Antarctic Specially Protected Area): Das sind Gebiete mit höchstem Schutzstatus. Das Betreten, Befahren oder Überfliegen ist nur mit strenger Ausnahmegenehmigung in der Regel für Forschende erlaubt.
- IBA (Important Bird Area): Gebiete, die international als entscheidend für den Erhalt von Vogelpopulationen anerkannt sind. Die Danger Islands beherbergen etwa 800.000 Adéliepinguin-Brutpaare – die größte Konzentration in der gesamten Antarktis.
Antarktisschutz: Die Rolle der Schutzgebiete
Worum geht es?
Mit der Ausweisung der Danger Islands als besonders geschütztes Gebiet (ASPA) Nr. 180 übernimmt Deutschland erstmals Verantwortung für ein Schutzgebiet in der Antarktis (zusammen mit den USA). Zentrales Instrument der Gebietsverwaltung ist der Managementplan. Er beschreibt das Gebiet und seine Schutzgüter, legt die Regeln für den Zugang zum Gebiet fest und muss spätestens alle fünf Jahre überarbeitet werden. Dabei stehen die Überprüfung und Anpassung des Schutzzweckes und -ziels sowie der Regelungen im Vordergrund.
Was wird geschützt und beobachtet?
Der Fokus liegt auf dem nahezu unberührten Zustand der Inselgruppe und ihren riesigen Seevogelkolonien, die eine besondere ökologische und wissenschaftliche Bedeutung haben. So findet sich hier beispielsweise eine Adéliepinguinpopulation von etwa 800.000 Brutpaaren. Das entspricht etwa 15-20 % des Weltbestandes dieser Pinguinart. Das Schutzgebiet umfasst derzeit alle sieben Inseln des Archipels, jedoch nicht die Meeresgebiete dazwischen. Um den Zustand der Schutzgüter einschätzen zu können, ist eine kontinuierliche Beobachtung der Vogelbestände unerlässlich.

Adéliepinguine, Marie-Charlott Rümmler, ThINK
Wie wird das umgesetzt?
Das Umweltbundesamt (UBA) ist einerseits gesetzlich für die Erstellung von Managementplänen für antarktische Schutzgebiete zuständig und andererseits auch nationale Genehmigungsbehörde für alle von Deutschland ausgehenden Tätigkeiten in der Antarktis. Im Falle der Schutzgebiete heißt das, niemand darf das Gebiet ohne eine Ausnahmegenehmigung des UBA betreten. Der Managementplan des ASPA 180 verfolgt dabei klare Ziele, um dieses einzigartige Ökosystem zu bewahren:
- Schutz vor Störungen: Menschliche Präsenz und Störungen werden auf ein absolutes Minimum reduziert. Besuche sind fast ausschließlich zu Forschungs- oder Managementzwecken erlaubt.
- Erhalt der Unberührtheit: Die Tierwelt und die physische Umwelt dürfen durch Forschung nicht beeinträchtigt werden. Das Gebiet dient als wertvolles „Referenzgebiet“, um ökologische Veränderungen und die Entwicklung der Tierpopulationen langfristig zu überwachen.
- Schutz vor Einschleppung: Es muss strikt verhindert werden, dass fremde Pflanzen, Tiere, Mikroben oder Krankheitserreger in das Gebiet gelangen, die die heimischen Tierpopulationen gefährden könnten.
Was sollte noch erweitert werden?
Bislang beschränkt sich das Schutzgebiet auf die Landflächen. Da die überlebenswichtigen Nahrungsgebiete der Pinguine im umliegenden Meer noch nicht genau verortet sind, besteht hier Forschungsbedarf. Ziel ist es, diese marinen Bereiche künftig als Komponente in das Schutzgebiet zu integrieren, um die Tiere auch vor direkten menschlichen Einflüssen – wie etwa der Krill-Fischerei – umfassend zu bewahren.
Gleichzeitig treibt Deutschland die Arbeiten für ein weiteres ASPA, das Otto-von-Gruber-Gebirge, voran.
Forschen vor Ort: Kartierung
Um die Danger Islands wirksam zu schützen, müssen wir den Zustand der Tiere und ihres Lebensraums verstehen. Modernste Technik ermöglicht es Forschungsteams – etwa vom Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz (ThINK) aus Jena im Auftrag des Umweltbundesamtes und dem Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), Daten zu sammeln, ohne dabei die empfindliche Natur zu stören.
1. Artenvielfalt und Bestandsmonitoring
Was wird gemacht?
Die Tierbestände der Danger Islands, allen voran die Adélie- und Eselspinguine werden systematisch und regelmäßig erfasst und auf Krankheiten untersucht.
Wie wird es gemacht?
Zum Einsatz kommen Langstrecken-Drohnen (Hybrid-Starrflügler). Diese liefern hochauflösende Luftbilder, mit deren Hilfe Brutplätze kartiert und Bestände exakt gezählt werden können, ohne dass Menschen die Tiere durch ihre Präsenz stören.
Was haben wir davon?
Wir erhalten ein genaues Bild über die Gesundheit und Größe der Populationen. Wenn wir gravierende negative Veränderungen z.B. bei der Größe der lokalen Population oder beim Bruterfolg feststellen, ist eine Anpassung bestehender Schutzmaßnahmen gefragt, um dem entgegenzuwirken. Übergeordnetes Ziel ist dabei der Erhalt der Biodiversität und der Größe der Seevogelkolonien.
2. Schadstoffanalyse
Was wird gemacht?
Es wird untersucht, ob und wie stark die Antarktis durch Substanzen, beispielsweise langlebige Umweltgifte wie PFAS (per- und polyfluorierte Chemikalien), belastet ist. Mehr zum Thema wird im Hintergrundtext „Wie PFAS in die Umwelt gelangen“ erläutert.
Wie wird es gemacht?
Wissenschaftler:innen entnehmen Proben, zum Beispiel Pinguineier, um die Anreicherung dieser Stoffe in der Nahrungskette zu messen.
Was haben wir davon?
Diese Daten belegen, dass selbst „unberührte“ Gebiete vom Menschen beeinflusst sind. Sie liefern somit Argumente für globale Verbote und Regularien, beispielsweise von Chemikalien.
3. Bewegungsprofile (Tracking)
Was wird gemacht?
Forschende untersuchen die Jagd- und Wanderrouten der Pinguine, um herauszufinden, wo ihre Hauptnahrungsgründe liegen.
Wie wird es gemacht?
Pinguine werden mit kleinen Satellitensendern ausgestattet, die GPS-Daten über ihre Wege im Packeis liefern. Diese Sender fallen bei der nächsten Mauser nach etwa 3 Monaten von allein ab, sodass die Tiere sie nur vorübergehend tragen.
Was haben wir davon?
Mithilfe dieser Daten können zunächst wichtige Nahrungsgründe der Vögel identifiziert werden. Dies ist die Grundlage für eine mögliche Erweiterung des Schutzgebietes um eine Pufferzone, die im Idealfall die Hauptnahrungsgebiete umfasst.
4. Ozeandaten erheben
Was wird gemacht?
Es werden Ozeandaten gesammelt, um Wissenschaftler:innen auf der ganzen Welt zu zeigen, wie sich Meeresströmungen und Wassertemperaturen verändern.
Wie wird es gemacht?
Mit der CTD-Rosette (Conductivity, Temperature, Depth) und dem Ocean Pack. Über die Leitfähigkeit (Conductivity) wird der Salzgehalt bestimmt: Je mehr Salz im Wasser ist, desto besser leitet es Strom – und warmes Wasser leitet besser als kaltes. Aus dieser Kombination wird der exakte Salzgehalt berechnet.
Was haben wir davon?
Diese Daten sind essenziell, um den Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Weltmeere besser zu verstehen und vorherzusagen.
Zukunftsperspektiven: Warum der Schutz der Antarktis uns alle angeht
Angesichts der Klimakrise und des dramatischen Rückgangs der Artenvielfalt ist die Einrichtung von Schutzgebieten in der Antarktis (ASPA) für die Menschheit von existenzieller Bedeutung. Da sich der Klimawandel in den Polarregionen schneller vollzieht als irgendwo sonst, sind diese Gebiete ein wichtiges Instrument, um die Widerstandsfähigkeit dieser fragilen Ökosysteme zu erhöhen und den Verlust von Lebensräumen zu stoppen. Es ist wichtig, diese Gebiete auszuweiten und durch ein genaues Monitoring die Folgen menschlicher Einflüsse und Bedrohungen wie den Rückgang der Artenvielfalt belegen zu können.
Gleichzeitig können wir am Beispiel der Antarktis lernen, wie wichtig eine kooperative Zusammenarbeit ist. Der Antarktisvertrag und das Umweltschutzprotokoll sind beispielhafte Modelle dafür, wie die Weltgemeinschaft einen ganzen Kontinent erfolgreich vor Ausbeutung und Verschmutzung bewahrt.
Ein Ökosystem unter Druck
In den letzten Jahren haben die menschlichen Aktivitäten in der Antarktis drastisch zugenommen. Sie verursachen ökologische Störungen, die die Stabilität antarktischer Ökosysteme gefährden. Diese Effekte werden durch den globalen Umweltwandel, insbesondere Klimakrise und Ozeanversauerung, weiter verstärkt.
Ein vermehrter Antarktistourismus – mit einem Anstieg der Besucherzahlen von rund 6.000 in der Saison 1992/93 auf knapp 120.000 in 2024/25 – belastet die Umwelt. Sowohl der klassische Kreuzfahrttourismus, als auch neuer „Adventure-Tourismus“ (z. B. Skitouren, Hubschrauberexkursionen oder Marathonläufe) können die sensible Tier- und Pflanzenwelt schädigen. Zudem nimmt die Fischerei auf Krill, den antarktischen Riesendorsch und den schwarzen Seehecht den Vögeln, Robben und Walen ihre Nahrung weg.
Auch die Forschung selbst, so wertvoll sie für das Verständnis des Ökosystems ist, bringt Belastungen mit sich. Mit der wachsenden Anzahl an Forschungsstationen nehmen logistische Bewegungen durch Flugzeuge, Schiffe und Fahrzeuge zu, was u.a. zu einer erhöhten Luftbelastung durch Abgase führt. Zudem belasten der Schiffsverkehr und hydroakustische Messverfahren den antarktischen Ozean durch zusätzliche Geräuscheinträge.
Die Chance: Gemeinsames Handeln der Weltgemeinschaft
Trotz dieses Drucks gibt es eine große Hoffnung: Der Antarktisvertrag und das Umweltschutzprotokoll bilden den rechtlichen Rahmen, um dieses staatenfreie Gebiet und seine verbundenen Ökosysteme umfassend zu schützen. Es ist ein einzigartiges Beispiel für erfolgreiche weltweite Zusammenarbeit:
- Friedliche Nutzung: Militärische Aktivitäten sind verboten, nationale Gebietsansprüche ruhen, neue Gebietsansprüche dürfen nicht erhoben werden.
- Verzicht auf Bergbau: Es findet keine kommerzielle Rohstoffgewinnung statt.
- Umfassender Schutz: Durch Abkommen wie das Umweltschutzprotokoll zum Antarktisvertrag verpflichtet sich die Staatengemeinschaft, die antarktische Umwelt zu bewahren und für zukünftige Generationen zu erhalten. Schutzgebiete sind dabei ein wichtiges Werkzeug, um dieses Versprechen in die Tat umzusetzen.
Bezug auf den Alltag junger Menschen
Am Beispiel der Antarktis lassen sich wissenschaftliches Vorgehen und politische Regeln anschaulich erklären. Sie zeigen uns, wie wir Naturphänomene verstehen und Ökosysteme schützen können. Wie misst man den Salzgehalt des Meeres mit Strom? Wie gelangen Schadstoffe aus unseren Alltagsprodukten in ein Pinguin-Ei in der Antarktis? Und was können wir von Tieren lernen – zum Beispiel, warum keiner als Erster ins Wasser springt?
Quellen und weiterführende Informationen
- Aktuelle Einblicke und Videotagebücher finden Sie im Live-Blog zur Antarktis-Mission.
- Detaillierte Fachinformationen zu den Schutzgebieten bietet das Umweltbundesamt (UBA):
- Bundesamt für Naturschutz Schutz der Antarktis | BFN
- Digitale Unterrichtsstunde mit Luisa Neubauer aus der Antarktis Mission Antarctica
ThINK, Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz GmbH, Identifizierung schützenswerter Gebiete mit fernerkundlichen Methoden zum Zwecke der Ausweitung des kohärenten Netzwerks an Schutzgebieten in der Antarktis (2020 – 2024)
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