Interview mit PD Dr. Gudrun Spahn-Skrotzki
Wie gelingt es, dass Klimabildung nicht nur Wissen vermittelt, sondern wirklich ins Handeln bringt?
PD Dr. Gudrun Spahn-Skrotzki ist Privatdozentin an der Universität Kassel, Lehrerin und freie Referentin für Klimabildung. Sie hat zwei Bücher zum Thema geschrieben und begleitet Schulen dabei, Klimaschutz im Schulalltag zu verankern. Zuletzt war sie drei Monate lang an der Deutschen Schule Bukarest tätig. Darüber hinaus ist die als Referentin tätig und hält Fortbildungen in Schulen und Kollegien zu Klima- und Biodiversitätsbildung. Im Interview stellt sie zentrale Inhalte aus ihren Büchern vor: von Grundlagenwissen zur Klima- und Biodiversitätssituation über Klimaangst bis hin zu hoffnungsgebenden Best-Practice-Beispielen und konkreten Checklisten für die Umsetzung.
In beiden Büchern beginnst du mit einer Einordnung der aktuellen Lage bezüglich der Klimakrise und der Biodiversitätskrise. Warum ist dir das so wichtig?
„Wir alle – Schüler:innen, Lehrkräfte und die gesamte Gesellschaft – müssen die aktuelle Situation und die Fakten kennen, um das Ausmaß zu begreifen. Dabei ist es mir wichtig, aufzuzeigen, dass die Biodiversitätskrise genauso dramatisch ist wie die Klimakrise. Wenn das Artensterben in diesem Tempo weitergeht, verlieren wir irgendwann unsere Lebensgrundlagen, denn wir sind von Atemluft, Trinkwasser und Nahrung abhängig. Beide Krisen sind sehr ernst zu nehmen und es ist wichtig, jetzt etwas zu tun.“
Du gibst anschauliche Beispiele dafür, wie sich Klimathemen fächerübergreifend und verbindend aufgreifen lassen. Welche Tipps hast du, damit das im Schulalltag gelingt?
„Mir ist besonders wichtig zu zeigen, dass nicht nur die naturwissenschaftlichen Fächer etwas beitragen können. Jedes Fach hat Anknüpfungspunkte.“
Als Beispiele nennt Gudrun:
- Musik: Installationen, die schmelzendes Eis hörbar machen oder Musik, die Menschen auf emotionaler Ebene zu Klimathemen berührt
- Deutsch: Klimakommunikation – wie spreche ich über das Thema, ohne Schuldgefühle zu erzeugen?
- Geschichte: die „Kleine Eiszeit“ als historisches Beispiel für Temperaturveränderungen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen
- Mathematik: ökologische Fußabdrücke berechnen und mit denen von Menschen in anderen Ländern der Welt vergleichen.
„Gut finde ich auch Projektarbeiten und Projektwochen – das haben wir zum Beispiel in Bukarest gemacht. Ideal wäre es, wenn so eine Klima- oder Nachhaltigkeitswoche jedes Jahr stattfindet. So entsteht Raum für fächerübergreifendes Arbeiten. Auch ein Format wie der FREI DAY lässt sich relativ einfach einführen und gelingt oft gut.
Besonders wichtig ist aber der Whole School Approach, d.h. Klimaschutz und Nachhaltigkeit sollten in der Schule wirklich gelebt werden, so dass Schülerinnen und Schüler ganz selbstverständlich in diese hineinwachsen. Wenn die Schule kein Vorbild ist, warum sollten Schülerinnen und Schüler etwas in ihrem Leben verändern oder sich für Klimaschutz engagieren? In meinen Büchern zeige ich mit Checklisten auf, wo überall Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der Schule gelebt werden und Schulen diese in partizipativen Prozessen umsetzen können.”
Im neuen Buch hast du ein eigenes Kapitel zur Klimaangst geschrieben. Was rätst du Lehrkräften?
„Klimaangst nimmt bei Kindern und Jugendlichen zu, und sie ist berechtigt, wenn man sich die Fakten anschaut. Es darf im Unterricht aber nicht das Ziel sein – Menschen Angst zu machen –, sondern es geht darum zu zeigen, wie man damit umgehen kann. Am allerwichtigsten fände ich, wenn Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen könnten, dass in der Gesellschaft genug gegen den Klimawandel getan wird. Das erleben sie aber leider nicht. Politisch und gesellschaftlich werden so dringend nötige Maßnahmen immer wieder verschleppt oder aufgeschoben. Deshalb ist der Whole School Approach auch als Maßnahme gegen Klimaangst so wichtig: Wenigstens in der Schule sollten Schülerinnen und Schüler erleben können, dass etwas getan wird.Wenn Schülerinnen und Schüler in der Schule schon erleben, dass etwas passiert – etwa ein Schulwald gepflanzt wird, nachhaltiges Essen angeboten wird oder ein Klimarat eingerichtet wird, in dem sie mitarbeiten können –, wirkt das stärkend. Sie erfahren Selbstwirksamkeit, und das hilft gegen Klimaangst, weil sie merken, dass sie selbst etwas bewirken können.“
Du plädierst für mehr intrinsische Motivation statt Unterricht, der nur Leistung bewertet und Themen frontal vorgibt. Was meinst du damit konkret?
„Wenn wir eine gesellschaftliche Transformation zu mehr Solidarität, globaler Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit wollen, aber in der Schule ständig eine Ellbogenmentalität fördern, kann das nicht funktionieren.
Genau das fand ich auch in meinem Unterricht in Bukarest so schön: Wir haben Klimaprojekte durchgeführt und es war bereichernd zu sehen, mit welchen unterschiedlichen Ideen und Themen sich die Schülerinnen und Schüler beschäftigt haben. Das war viel wertvoller, als wenn alle dieselbe Fragestellung bearbeiten und am Ende dieselbe Klausur schreiben.“
Was müssen wir in der Schule also dringend vermitteln? Mehr Faktenwissen?
„Faktenwissen ist wichtig – wir sehen ja an Wahlergebnissen, dass davon zu wenig vorhanden ist. So erhält eine Partei, die in ihrem Programm den menschengemachten Klimawandel infrage stellt, auch unter jungen Menschen viel Zuspruch. Auch Studierende in meinen Seminaren an der Universität haben oft nur sehr wenig Wissen über den Klimawandel und meistens noch weniger über das Artensterben. Das ist ein Problem. Man muss schon wissen, worum es beim Klimawandel und Artensterben geht, wie bedrohlich das Ganze ist und wie dringend nötig es ist, entschieden etwas dagegen zu tun. Aber Faktenwissen allein reicht nicht. Für gelungene Lernprozesse ist Ausprobieren, Machen und Selbstlernen von großer Bedeutung, um Inhalte wirklich zu verinnerlichen. Es ist wichtig, dass Schülerinnen und Schüler die Erfahrung machen: Wir können handeln, wir können etwas tun – und tun es auch schon. Wenn Schülerinnen und Schüler das in der Schule erleben, ermutigt sie das, dies auch später im Leben weiterzuführen. Ich glaube, das kommt wirklich zu kurz. Und wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Gerne zitiere ich die Psychologin Lea Dohm: Es braucht gar keine große gesellschaftliche Mehrheit für Veränderungen – Veränderungen können angestoßen werden, wenn bei ca. 25% der Bevölkerung die Einsicht vorhanden ist, dass diese nötig sind und sich dann ca. 3,5% der Bevölkerung dafür einsetzen. Das finde ich als Ermutigung wichtig, gerade für Lehrkräfte: Wir können etwas tun, und es lohnt sich, einfach anzufangen.“
Wir danken dir, Gudrun, für die spannenden Einblicke und dein Engagement.
Die beiden Bücher im Überblick
Beide Bücher von Gudrun Spahn-Skrotzki sind im Beltz Verlag erschienen und ergänzen sich: Das erste Buch liefert Grundlagenwissen zu Klimawandel und Biodiversitätskrise sowie fach- und schulformspezifische Anregungen für den Unterricht. Es gibt z.B. Anregungen für die unterschiedlichsten Fächer – und auch für neue Lehr-/Lernformen. Darüber hinaus gibt es viele Adressen und Links für Informationen und Materialien, Vernetzung, außerschulische Lernorte u.v.m.
Das zweite Buch stellt den Whole School Approach in den Mittelpunkt – mit einer Checkliste mit über 80 Punkten, Beispielen für partizipative Prozesse wie den Klimarat sowie einem eigenen Kapitel zu Klimaangst und intrinsischer Motivation. Viele positive Praxisbeispiele ermutigen dann Lehrkräfte und Schulen, sich selbst ebenfalls auf den Weg zu machen.

Klimabildung – Leitlinien für alle Schulen und Fächer [2023]

So gelingt Klimabildung [2026]
https://beltz.de/fachmedien/paedagogik/so-gelingt-klimabildung/BEL25939