Veröffentlicht auf Umwelt im Unterricht: Materialien und Service für Lehrkräfte – BMU-Bildungsservice (http://www.umwelt-im-unterricht.de)

Hintergrund

Schutzgebiete, Wildnis und die Biologische Vielfalt

Sekundarstufe, Grundschule

Die Biologische Vielfalt in Deutschland ist stark unter Druck. Gründe dafür sind vor allem die Zerstörung von Lebensräumen und die intensive Nutzung der Landschaft. Unberührte Natur gibt es fast gar nicht mehr in Deutschland. Schutzgebiete sind eines der wichtigsten Mittel, um Arten und Lebensräume zu erhalten.

"Natur" ist für die allermeisten Menschen in Deutschland von großer Bedeutung und gilt als schützenswert – das ergeben immer wieder Umfragen wie die Naturbewusstseinsstudien, die das Bundesamt für Naturschutz und das Bundesumweltministerium durchführen lassen. Die Naturbewusstseinsstudie 2015 ergab, dass die Natur für 94 Prozent der Menschen in Deutschland zu einem guten Leben dazu gehört.

Einer großen Mehrheit der Befragten gefällt Natur umso besser, je "wilder" sie ist, so ein Ergebnis der Naturbewusstseinsstudie 2013. Dabei denken viele Menschen an wilde Tiere, Wälder und unberührte Natur, abseits der Zivilisation.

Doch unberührte Natur gibt es kaum noch in Deutschland. Denn fast die gesamte Fläche des Landes wird seit Jahrhunderten durch den Menschen genutzt, vor allem für die Landwirtschaft, für Siedlungen und Verkehrswege. 

Zukünftig soll wieder mehr Fläche der Natur überlassen bleiben, das ist ein wichtiges Ziel der Umweltpolitik in Deutschland. Die Bundesregierung hat dies in ihrer Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt formuliert. Denn Wildnis- und Schutzgebiete sind wichtig, um die biologische Vielfalt zu schützen.

Gleichzeitig stoßen manche Pläne für neue Schutzgebiete immer wieder auf Widerstände. Denn je strenger die Schutzmaßnahmen für die Natur, desto eingeschränkter können Menschen die Gebiete unter Umständen wirtschaftlich nutzen. Generell gilt aber, dass Nutzungen nur eingeschränkt werden, soweit dies zum Erreichen der jeweiligen Schutzziele erforderlich ist.

Dennoch gibt es an manchen Orten Kritik von Anwohnern oder Grundstückseigentümern. Teilweise wird auch argumentiert, dass die wirtschaftliche Entwicklung durch den Naturschutz beeinträchtigt würde. Die Nutzung zur Erholung ist hingegen in den allermeisten Fällen möglich. Sie wird gerade durch den Schutzstatus besonders attraktiv, wie das Beispiel der Nationalparke zeigt. Naturschutz kann gerade in ländlichen Gebieten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sein.

Wie hängt die Flächennutzung mit der Biologischen Vielfalt zusammen?

Die Biologische Vielfalt in Deutschland ist unter starkem Druck. Das Bundesamt für Naturschutz bezeichnet den Zustand der Artenvielfalt als alarmierend. Ein Drittel aller Arten in Deutschland steht auf der Roten Liste, so der Artenschutzreport 2015.

Zu den wichtigsten Gründen für die Bedrohung der biologischen Vielfalt zählen vor allem die Zerstörung von Lebensräumen und die Nutzung der Landschaft durch den Menschen – aus Sicht des Naturschutzes oft eine sogenannte Übernutzung, zum Beispiel durch intensive Landwirtschaft.

Mehr als die Hälfte der Landesfläche wird in Deutschland für Landwirtschaft genutzt (51,1 Prozent, Stand 2016). Auf über 30 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands wachsen Wälder. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche hat einen Anteil von knapp 14 Prozent – und nimmt stetig zu. Zur restlichen Fläche zählen unter anderem Seen und Flüsse, aber auch Kies- und Braunkohlegruben, Abraumhalden und Militärgelände.

Die Art der Flächennutzung wirkt sich auf die biologische Vielfalt und die Umwelt aus. Zum Beispiel, da zugunsten der Landwirtschaft ökologisch wertvolle Landschaftselemente wie Baumgruppen und Feldraine beseitigt, Pflanzenschutzmittel und Dünger eingebracht und Grünland- und Moorflächen umgebrochen werden. Der weit überwiegende Teil der landwirtschaftlichen Fläche wird intensiv bewirtschaftet. Der Anteil des Ökolandbaus liegt bei nur 7,5 Prozent. (Siehe auch Thema der Woche: Intensive Landwirtschaft und Artenschutz – ein Widerspruch?)

Auch die Wälder in Deutschland werden bewirtschaftet. Auf über 90 Prozent der Waldfläche findet Holznutzung statt, nur etwa zwei Prozent werden derzeit dauerhaft der natürlichen Entwicklung überlassen. Als Lebensraum für Tiere und Pflanzen haben Wälder eine besondere Bedeutung, viele Arten sind auf naturnahe Wälder angewiesen.

Der Zuwachs bei Verkehrswegen und Siedlungen führt zur Zerschneidung von Lebensräumen für wildlebende Tiere und Pflanzen. Deutschland hat das dichteste Verkehrsnetz in Europa, und der Verkehr nimmt stetig zu. Die Verkehrswege bilden für viele Arten Barrieren, sodass manche Lebensräume zu Inseln werden.

Welche Rolle spielen Schutzgebiete?

Schutzgebiete sind eins der wichtigsten Instrumente des Naturschutzes.In diesen Gebieten gelten bestimmte rechtlich festgelegte Regeln für die Nutzung durch den Menschen. Es gibt verschiedene Kategorien von Schutzgebieten mit sich unterscheidenden Regeln und Schutzzielen. Der Schutz dieser Gebiete trägt unmittelbar dazu bei, Tier- und Pflanzenarten sowie ihre Lebensräume zu erhalten oder zu entwickeln. Schutzgebiete stellen in der intensiv genutzten Kulturlandschaft Deutschlands Rückzugsorte für wildlebende Tier- und Pflanzenarten dar.

Die wichtigsten und bekanntesten Arten von Schutzgebieten in Deutschland sind Naturschutzgebiete, Nationalparke, Biosphärenreservate, Landschaftsschutzgebiete und Naturparke. Die Kategorien beruhen auf dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG).

  • Naturschutzgebiete dienen vor allem dazu, Lebensräume zu erhalten oder wiederherzustellen. Damit dienen sie auch der Erhaltung der dort wildlebenden Tier- und Pflanzenarten. Veränderungen und Beeinträchtigungen sind ausgeschlossen. Menschen dürfen Naturschutzgebiete nur nutzen, wenn dies dem Schutzzweck nicht entgegensteht.
  • Nationalparke sind laut Bundesnaturschutzgesetz "großräumige Landschaften nationaler Bedeutung". Ein überwiegender Teil ihres Gebiets ist nicht oder nur wenig vom Menschen beeinflusst, oder das Gebiet ist geeignet, sich in einen natürlichen Zustand zu entwickeln. In Nationalparken soll sich auf dem überwiegenden Teil der Fläche die Natur möglichst ungestört entwickeln dürfen, Eingriffe und Nutzungen durch den Menschen sind nicht vorgesehen.
  • Biosphärenreservate sind ebenfalls großräumige Schutzgebiete. Neben Naturlandschaften dienen sie ausdrücklich auch dem Schutz und der Entwicklung von Kulturlandschaften. Das heißt: Von Landschaften, die durch die menschliche Nutzung entstanden und geprägt sind. Zudem dienen die großen Entwicklungszonen der Biosphärenreservate ausdrücklich der menschlichen Nutzung, allerdings soll hier modellhaft nachhaltig gewirtschaftet werden.
  • Landschaftsschutzgebiete sollen dazu dienen, die Funktionsfähigkeit des Naturhaushaltes zu erhalten. In der Regel handelt es sich um großflächigere Gebiete. Ausdrücklich werden Gebiete auch wegen ihrer Eigenart und Schönheit und ihrer besonderen Bedeutung für die Erholung geschützt.
  • Naturparke sind ebenfalls großräumige Landschaften. Neben der Erhaltung, Entwicklung oder Wiederherstellung einer durch vielfältige Nutzung geprägten Landschaft und ihrer Arten- und Biotopvielfalt streben sie unter anderem auch eine dauerhafte umweltverträgliche Landnutzung und nachhaltigen Tourismus an.

Warum ist Wildnis wichtig?

Schutzgebiete sind nicht gleichbedeutend mit Wildnisgebieten. Bei vielen Schutzkategorien ist eine Nutzung durch den Menschen ausdrücklich möglich. Zum Teil stehen der Schutz der Kulturlandschaft oder die Erholungsnutzung im Vordergrund. 

Der Begriff "Wildnis" ist eigentlich kulturell geprägt. Umgangssprachlich werden damit oft Gebiete gemeint, die durch den Menschen weitgehend unberührt geblieben sind, in denen keine Siedlungen existieren und wo die natürlichen Prozesse völlig vom Menschen unbeeinflusst ablaufen. Solche Gebiete existieren in Ansätzen noch in Kanada, Sibirien, Amazonien oder in der Antarktis. Fachleute bezeichnen solche Gebiete als ursprüngliche Wildnisgebiete oder primäre Wildnis.

In Deutschland und weiten Teilen Mitteleuropas gibt es jedoch fast keine Gebiete, die als ursprüngliche Wildnis gelten können.  

Stattdessen verwenden die Fachleute hier eine andere Definition. Als Wildnisgebiete gelten in Deutschland ausreichend große, weitgehend unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, in denen die Natur ohne menschliche Einflüsse sich selbst überlassen bleibt. Die Natur bekommt dort Raum und Zeit, sich wieder zu Wildnis zu entwickeln. 

Wildnis kann demnach überall entstehen, wo die Natur sich selbst überlassen bleibt – auch auf Flächen, die stark durch den Menschen beeinflusst sind. In der Fachsprache gibt es viele Begriffe für derartige Flächen: Prozessschutzflächen, Naturdynamikflächen, Wildnisentwicklungsgebiete oder Wildnisflächen. 

Wildnisgebiete in diesem Sinne gibt es vor allem in großen Schutzgebieten. Hauptsächlich befinden sie sich in Nationalparken (Kernzonen), auf Flächen des Nationalen Naturerbes, einigen großen Naturschutzgebieten und in großen Kernzonen von Biosphärenreservaten.

Wildnisgebiete haben für den Schutz der biologischen Vielfalt eine besondere Bedeutung. Viele Arten brauchen große, ungestörte Rückzugsgebiete. Wichtig ist zudem, dass sich dort die Natur gemäß ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln kann. In Wildnisgebieten können beispielsweise Bäume richtig alt werden und mit ihrem Alt- und Totholz wichtige Lebensräume für eine Vielzahl von Insekten bieten.

Die Ökosysteme der Wildnisgebiete tragen dazu bei, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Sie filtern Luft und Wasser, sie wirken als Senken für Kohlendioxid, sie wirken ausgleichend auf das lokale Klima und können Hochwasser zurückhalten. 

Die ungestörte Entwicklung der Natur in den Wildnisgebieten, ihre "Wildheit", hat darüber hinaus aus Sicht der Menschen einen besonderen Reiz. In besonderem Maße können Wildnisgebiete daher soziale Funktionen erfüllen, zum Beispiel für Bildung und Erholung sowie als "Botschafter" für den Naturschutz. 

Wo gibt es Wildnisgebiete?

Wildnisgebiete entsprechend der oben genannten Definition finden sich in vielen Regionen Deutschlands, von der Nord- und Ostseeküste bis in die Alpen. Dazu gehören landesweit bekannte Gebiete wie der Nationalpark Berchtesgaden oder das Schleswig-Holsteinische Wattenmeer, das vogelreichste Gebiet Europas.

Doch auch ehemalige Truppenübungsplätze wie zum Beispiel Lieberose in Brandenburg können dazu gehören. Dort findet sich eine eindrucksvolle Tierwelt, zu der unter anderem Wölfe, Seeadler und Biber gehören. Auch Elche werden bereits gesichtet.

Was wird für Schutzgebiete und Wildnis unternommen?

Ein wichtiges Ziel der Umweltpolitik in Deutschland ist es, den Anteil der Wildnisgebiete zu vergrößern. Die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt der Bundesregierung sieht vor, dass bis 2020 mindestens 2 Prozent der Landesfläche dauerhaft nicht mehr durch den Menschen genutzt werden sollen. Dabei geht es nicht nur um Naturlandschaften wie Flussauen, Meeresküsten, Moore und Hochgebirge, sondern ausdrücklich auch um Gebiete, die bisher – teilweise sehr stark – durch den Menschen geprägt waren, wie Bergbaufolgelandschaften oder ehemalige Truppenübungsplätze.

Zudem sollen auch andere Schutzgebiete weiterentwickelt werden. So sieht das Bundesnaturschutzgesetz vor, auf 10 Prozent der Fläche Deutschlands einen sogenannten Biotopverbund zu schaffen. Die bestehenden Schutzgebiete sollen miteinander verbunden werden, um der Verinselung der Lebensräume entgegenzuwirken.

Auch auf EU-Ebene gibt es Regelungen und Initiativen zu Schutzgebieten. Zu den wichtigsten zählen die sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) und die Vogelschutzrichtlinie. Sie sehen vor, dass die Mitgliedstaaten ein System vernetzter Schutzgebiete einrichten. Die Gebiete werden als "Natura 2000"-Gebiete bezeichnet.

Was habe ich mit Schutzgebieten und Naturschutz zu tun?

Bürgerinnen und Bürger können einen Beitrag leisten, dass die Schutzgebiete und Naturschutzbestimmungen ihren Zweck erfüllen. Dazu gehört zunächst, die geltenden 

Schutzbestimmungen zu beachten. Zum Beispiel, keine Arten der Natur zu entnehmen oder zu zerstören.

Auch Rücksichtnahme in der Natur gehört dazu, zum Beispiel das Beachten von Verhaltensregeln in Schutzgebieten. Aber auch in anderen Gebieten ohne spezielle Schutzbestimmungen trägt Rücksichtnahme zum Schutz von wildlebenden Tieren und Pflanzen bei. Zum Beispiel sollten Tiere nicht mutwillig gestört werden.

Ein indirekter Beitrag ist es, Bio-Produkte oder Produkte mit Nachhaltigkeitssiegeln zu wählen wie FSC für Holz- und Papierprodukte oder MSC für Fisch aus nachhaltiger Fischerei. Denn die ökologische Landwirtschaft und nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern und Fischbeständen tragen zum Schutz von Arten und Lebensräumen bei.

Darüber hinaus ist es möglich, selbst aktiv zu werden. Zum Beispiel durch einen naturnahen Garten oder durch freiwilliges Engagement in Naturschutzorganisationen.

Weiterführende Links

Bundesamt für Naturschutz: Wildnisgebiete
https://www.bfn.de/themen/biotop-und-landschaftsschutz/wildnisgebiete.html

Bundesamt für Naturschutz: Gebietsschutz und Großschutzgebiete
https://www.bfn.de/themen/gebietsschutz-grossschutzgebiete.html

Naturparke Deutschland
https://www.naturparke.de

Wildnis in Deutschland
https://wildnisindeutschland.de

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