Politik & Gesellschaft
Berufe in der nachhaltigen Wirtschaft: Grüne Kompetenzen
Solar jobs, Green Energy Futures, Flickr
Einleitung
Klima- und Umweltschutz sind nicht nur Aufgabe einzelner „grüner” Branchen wie der erneuerbaren Energien oder dem ökologischen Landbau. Fast jeder Beruf kann einen Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz leisten. In diesem Text werden die Handlungsmöglichkeiten innerhalb unterschiedlicher Berufsbilder beschrieben und es wird erläutert, warum grüne Kompetenzen in Zukunft wichtig werden. Der Text dient als ergänzende Grundlage für die folgenden Lernpfade auf „Umwelt im Unterricht“, um das Thema zu vertiefen.
- Primarstufe: Berufe und Umweltschutz
- Sekundarstufe: Nachhaltigkeit im Berufsalltag
In diesem Zusammenhang kann auch der Hintergrundtext „Berufe für die Klimawende“ spannend sein. Hier wird der Fokus auf Berufe gelegt, die für die ökologische Transformation wichtig und unerlässlich sind. Er behandelt die Themen Klimaschutz (Mitigation) und Klimaanpassung (Adaption).
Warum ist nachhaltiges Handeln in allen Lebensbereichen notwendig?
Unsere Wirtschaftsweise verbraucht mehr Ressourcen, als der Planet dauerhaft bereitstellen kann. Wälder werden abgeholzt, Meere überfischt, wichtige Naturflächen werden für Landwirtschaft oder Siedlungen zerstört. Dadurch gehen wichtige CO2-Speicher verloren, die Erde erwärmt sich weiter, und die Natur insgesamt gerät aus dem Gleichgewicht. Darum ist es vor allem wichtig, das Unternehmen umweltverträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich handeln. Denn die Art des Wirtschaftens wirkt sich auf die Umwelt aus – und umgekehrt beeinflussen die Folgen des Klimawandels je nach Region und Branche unterschiedlich das Wirtschaften. Dem Weltklimarat zufolge sind die Branchen Energie- und Wasserversorgung, Lebensmittel- und Landwirtschaft sowie Tourismus und Verkehr am stärksten vom Klimawandel betroffen.
Der Arbeitsmarkt und die ökologische Transformation
Für die Studie „The Greening of Jobs“ aus dem Jahr 2019 hat der Arbeitsmarktforscher Markus Janser (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, IAB) auf Basis von Berufsbeschreibungen einen Greening-of-Jobs-Index (GOJI) entwickelt. Mit diesem Index werden die Auswirkungen der ökologischen Transformation auf den Arbeitsmarkt analysiert. Um diese Transformation messbar zu machen, bestimmt der GOJI den prozentualen Anteil umweltfreundlicher sowie umweltschädlicher Tätigkeiten innerhalb eines jeweiligen Berufs.
Deutlich wird unter anderem, dass der ökologische Wandel vor allem zu inhaltlichen Veränderungen bestehender Berufe führt und nur selten zur Entstehung völlig neuer Berufsbilder. Wie sich dies je nach Branche gestaltet, ist sehr unterschiedlich.
„Grüne“ Arbeitsplätze für alle
„Greening in Berufen” – oder „grüne Arbeitsplätze” – bedeutet also die ökologische Umgestaltung von Arbeitsplätzen, unabhängig davon, ob sie einer klassischen Umweltbranche zugerechnet werden. Der Wandel hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise lässt neue Arbeitsplätze entstehen, verändert bestehende und wirkt sich auf Aus- und Weiterbildung aus.
Dazu gehören auch Berufe, die auf den ersten Blick keinen Bezug zu Umweltthemen haben.
- Mechatroniker:innen, die sich mit alternativen Antrieben von Fahrzeugen beschäftigen,
- Maler:innen, die sich um die richtige Wärmedämmung kümmern,
- Energie- und Gebäudetechniker:innen, die Klima- oder Photovoltaikanlagen installieren,
- Designer:innen, die bereits in der Konzeptionsphase eines Produkts auf Materialbeschaffung, Reparierfähigkeit und Wiederaufarbeitung achten,
- Industrie- und Bürokaufleute, die bei der Materialbeschaffung und Auslieferung von Produkten Entscheidungen mit Blick auf Kosten- und Klimaeffizienz fällen,
- Elektroniker:innen, die im industriellen und handwerklichen Bereich bei der Auswahl, Installation und/oder Wartung von Anlagen den Energieverbrauch und die Treibhausgasemissionen im Blick behalten.
Grüne Kompetenzen für nachhaltiges Handeln stärken
Für den Wandel zu einer nachhaltigen Arbeitswelt braucht es kompetente Fachkräfte in allen Branchen. Die Bundesagentur für Arbeit definiert “Green Skills” als Fähigkeiten, Kenntnisse, Technologien und Praktiken, die für eine ökologisch nachhaltige Wirtschaft erforderlich sind und in Fachquellen als umweltfreundlich klassifiziert werden – etwa im Kontext von erneuerbaren Energien und Ressourcen, Energie-, Rohstoff- und Materialeffizienz, Recycling sowie Natur- und Artenschutz.
Dabei lohnt sich eine Unterscheidung zwischen Fach- und transversalen Kompetenzen. Fachkompetenzen sind berufsspezifisches Wissen und Können – etwa die Installation einer Photovoltaikanlage, die Auswahl klimafreundlicher Dämmstoffe oder die Wartung alternativer Antriebe. Sie unterscheiden sich von Beruf zu Beruf und werden in der jeweiligen Aus- oder Weiterbildung vermittelt. Transversale Kompetenzen hingegen sind berufsübergreifend: Sie helfen dabei, ökologische Zusammenhänge überhaupt zu erkennen, Entscheidungen abzuwägen und Veränderungen mitzugestalten – unabhängig davon, ob jemand im Handwerk, in der Verwaltung oder im Design tätig ist. Für eine „grüne“ Wirtschaft braucht es beide Ebenen: Fachkompetenzen liefern das technische Know-how, transversale Kompetenzen die Fähigkeit, dieses Wissen in einem sich wandelnden, komplexen Umfeld sinnvoll einzusetzen.
Fünf transversale Kompetenzen lassen sich dabei unterscheiden:
- Systemdenken: Komplexe Zusammenhänge erkennen, Wechselwirkungen zwischen Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft verstehen und mit Unsicherheit umgehen.
- Zukunfts- und Vorsorgekompetenz: Verschiedene Zukunftsszenarien bewerten, Vorsorgeprinzip anwenden, Folgen des eigenen Handelns abschätzen.
- Werte- und Reflexionskompetenz: Eigene Normen, Werte und Handlungen kritisch hinterfragen und im Nachhaltigkeitsdiskurs Position beziehen.
- Strategische Kompetenz: Gemeinsam innovative, umsetzbare Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit entwickeln – lokal wie darüber hinaus.
- Kollaborationskompetenz: Von anderen lernen, Perspektiven respektieren, Konflikte konstruktiv lösen, gemeinsam Probleme bearbeiten.
Diese Kompetenzen sind branchenübergreifend relevant, unabhängig davon, ob ein Beruf klassisch der Umweltbranche zugeordnet wird oder nicht.
Die zuvor genannten Beispiele machen deutlich, dass sich mit dem Wandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise auch die Inhalte in Ausbildung und Weiterbildung verändern müssen. Genau hier setzt die „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung“ (BBNE) an, die sich auf das etablierte Konzept der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) stützt: Sie will die Entwicklung „grüner Kompetenzen“ in allen Jobs und Branchen fördern und macht nachhaltiges Handeln damit zu einem festen Bestandteil beruflicher Handlungskompetenz.
In Deutschland bilden rund 400.000 Betriebe junge Menschen aus. Sie spielen eine wichtige Rolle, denn sie helfen Auszubildenden dabei, sich beruflich und persönlich weiterzuentwickeln. Zudem können sie viel dazu beitragen, dass wir nachhaltiger leben und wirtschaften. Damit haben sie ein großes Potenzial, Nachhaltigkeitsziele zu unterstützen.
Diese Anpassung findet bereits statt: Für jede Ausbildung in Deutschland gibt es feste Inhalte, die alle Auszubildenden lernen müssen, unabhängig von ihrem Ausbildungsberuf. Diese werden Standardberufsbildpositionen genannt. Seit Frühjahr 2020 gehört auch Nachhaltigkeit fest dazu. Das gilt nicht nur für Auszubildende, sondern auch für die Lehrkräfte und Ausbilder:innen, die sie unterrichten.
Bedeutung für den Unterricht
Berufliche Orientierung setzt meist bei der Frage an, welcher Beruf zu den eigenen Interessen und Fähigkeiten passt. Ebenso wichtig ist aber die Frage, wie sich dieser Beruf in den kommenden Jahren verändern wird. Es lohnt sich deshalb, junge Menschen dazu anzuregen, ihren Wunschberuf nicht nur im Hinblick auf aktuelle Anforderungen zu betrachten, sondern auch zu fragen, welche neuen Kompetenzen, Arbeitsbedingungen oder Karrierewege sich durch die sozial-ökologische Transformation künftig ergeben können.
Damit dieser Wandel gelingt, braucht es Menschen, die ihn mittragen und mitgestalten. Genau hier setzen die zuvor genannten transversalen Kompetenzen an: Sie befähigen dazu, ökologische Zusammenhänge zu erkennen, Entscheidungen im eigenen Berufsalltag abzuwägen und Veränderungen aktiv mitzugestalten – unabhängig davon, in welchem Berufsfeld man später arbeitet. So kann jede und jeder Einzelne mitdenken, umdenken und mitgestalten.
Für den Unterricht heißt das: Berufliche Orientierung und Nachhaltigkeitsbildung lassen sich sinnvoll miteinander verknüpfen. Schüler:innen erfahren, dass praktisch jeder Beruf einen Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation leisten kann – und dass sie selbst mitentscheiden, wie sie diesen Wandel in ihrem künftigen Arbeitsleben mitgestalten.
Weiterführende Links
- Bundesumweltministerium: Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) – Praxismaterialie
- Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb): Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung
- mach Grün!: Greening der Berufe
- Netzwerk Grüne Arbeitswelt: Hintergrundwissen
- Bundesagentur für Arbeit, Berufe im Umwelt- und Klimaschutz: Grüne Berufe
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