Hintergrund

Jugendliche, digitale Medien und Partizipation

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Grundschule, Sekundarstufe

Die Digitalisierung verändert die Kommunikation und damit auch die Formen der politischen Auseinandersetzung. Insbesondere prägen digitale Medien den Alltag der sogenannten "Digital Natives". Diese haben zugleich eine Skepsis gegenüber traditionellen Formen des politischen Engagements als auch ein großes Interesse an umweltpolitischen Themen. Welche Möglichkeiten zur Beteiligung bieten digitale Medien und Online-Netzwerke?

Mit der Digitalisierung verändern sich viele Bereiche unserer Gesellschaft. Oft ist vom "digitalen Wandel" die Rede oder sogar von einer "digitalen Revolution". Besonders sichtbar sind die Veränderungen unserer Kommunikation – und damit auch der politischen Kommunikation und öffentlichen Diskussion.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei häufig Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die heute 14- bis 22-Jährigen sind mit digitalen Technologien groß geworden, darum werden sie oft auch als "Digital Natives" bezeichnet. Digitale Medien spielen im Alltag von Jugendlichen heute eine sehr große Rolle. Viele in der Jugendphase wichtige Aktivitäten haben sich in digitale Räume verschoben. Jugendliche und junge Erwachsene trennen nicht zwischen analoger und digitaler Welt, reale und virtuelle Lebensräume sind vielmehr miteinander verschränkt und beeinflussen sich wechselseitig.

Damit sind einerseits Skepsis und Sorge verbunden: So nehmen Risiken wie ungeeignete Inhalte, Mobbing oder Sucht großen Raum ein in der Diskussion über die Internetnutzung von Jugendlichen. Auch befürchten viele, dass diese zur Vernachlässigung der "realen Welt" und sozialer Kontakte führe.

Andererseits wird in der Jugendforschung häufig die Erwartung geäußert, dass die Kommunikation im Netz die politische Diskussionskultur und Partizipation fördert. Ein aktuelles Beispiel ist die "Fridays for Future"-Bewegung, deren Sichtbarkeit auch durch die digitale Vernetzung ermöglicht wurde.

Wie wird man ein selbstbestimmtes Mitglied der "digitalen Gesellschaft"?

Grundsätzlich ist Partizipation im Sinne einer freiwilligen Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am politischen Leben von zentraler Bedeutung für eine demokratische Gesellschaft.

Vor dem Hintergrund der Veränderungen in der Kommunikationskultur stellt sich die Frage, wie Jugendliche die nötigen Kompetenzen erwerben können, um an gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen teilhaben zu können.

Dass dies das Ziel sein muss, ist unbestritten. Dies ist mit den Beschlüssen der Kultusministerkonferenz (KMK) zur "Bildung in der digitalen Welt" von 2016 auch verbindlich für alle Bildungsbereiche verankert. Die KMK hat ein Kompetenzkonzept für die "digitale Welt" formuliert, das beschreibt, welche Kompetenzen nötig sind. Es sieht unter anderem vor, dass Jugendliche die Bedeutung digitaler Medien für die politische Meinungsbildung und Entscheidungsfindung kennen und nutzen.

Wie nutzen "Digital Natives" das Netz?

Studien vermitteln ein differenziertes Bild, was die Nutzung digitaler Medien durch Jugendliche und die damit verbundenen Chancen und Risiken angeht.

Grundsätzlich nutzen ab einem Alter von zwölf bis 13 Jahren fast alle Kinder das Internet, so die Studie "Kindheit, Internet, Medien 2018" (KIM-Studie). Bei älteren Jugendlichen spielt vor allem das Smartphone eine enorm wichtige Rolle. Mit 97 Prozent besitzen fast alle Jugendlichen ein solches Gerät, so die sich mit der Altersgruppe der 12- bis 19-Jährigen befassende Studie "Jugend, Information, Medien 2018" (JIM-Studie).

Den größten Anteil an der Nutzung hat Kommunikation mit 35 Prozent, gefolgt von Unterhaltung (31 Prozent) und Spielen (24 Prozent). Die Informationssuche liegt bei 10 Prozent. Der Anteil von Unterhaltungsangeboten nimmt zu, dazu gehören Video- und Audio-Streaming wie YouTube, Netflix und Spotify. Auch der Messenger-Dienst WhatsApp zählt zu den populärsten Angeboten.

Obwohl die "Digital Natives" mit digitalen Medien sehr vertraut sind, nutzen sie sie nicht automatisch kompetent. Auch ihre Selbsteinschätzung ist oft zurückhaltend, viele Jugendliche sind sich der Herausforderungen und Risiken selbst bewusst.

Wie stehen Jugendliche zum politischen Engagement?

Jugendliche haben einen anderen Blick auf Politik und gesellschaftliche Entwicklungen als andere Altersgruppen.

Zwar zeigt sich eine Mehrheit der jungen Menschen politisch interessiert. Allerdings stimmt auch ein beträchtlicher Teil der Aussage zu, dass sie Politik eher nicht interessiert. Zudem stehen junge Menschen der Parteipolitik eher distanziert gegenüber. Das eigene politische Engagement hat nur für eine Minderheit große Bedeutung.  Es fällt ihnen aus Zeitmangel oft schwer. Verbindliche längerfristige Beteiligungen wie die Mitwirkung in der Partei oder einer Bürgerinitiative finden nur wenige interessant.

Zudem ist vielen Jugendlichen nicht immer klar, was sie selbst zur Lösung von Umweltproblemen beitragen können.

Dennoch möchten sie grundsätzlich mitgestalten, ihre Interessen einbringen und sich für gesellschaftliche Ziele engagieren. Der Schutz von Umwelt und Natur ist ihnen wichtig, und viele teilen die Einsicht, dass ein grundlegender Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft nötig ist. Das zeigt unter anderem eine Jugendstudie, die das Bundesumweltministerium im Jahr 2018 veröffentlicht hat.

Junge Menschen betrachten demnach ihr Engagement für Umwelt und soziale Fragen nicht unbedingt als politisches Engagement im traditionellen Sinne. Bei den möglichen Beteiligungsformen zeigen sie sich interessiert an einfachen und kurzfristigen Möglichkeiten wie dem Äußern von Wünschen. Auch projektbezogene Beteiligungsmöglichkeiten wie die Teilnahme an Workshops sowie Online-Diskussionen werden von vielen als geeignet betrachtet.

Welche Möglichkeiten der Online-Partizipation gibt es?

Digitalen Medien wird ein hohes Potenzial zugeschrieben, eine möglichst breite Beteiligung an politischen Prozessen zu fördern. Aus verschiedenen Gründen eröffnen sie Chancen für die Beteiligung von Jugendlichen.

Digitale Medien sind ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags und bilden somit einen vertrauten Raum, der auch für den politischen Austausch genutzt werden kann. Politische Akteure können Jugendlichen dort gewissermaßen entgegenkommen.

Zum anderen können Jugendliche selbst aktiv werden. Im Vergleich zu der Zeit vor der Etablierung des Internets haben sie heute viel stärker die Möglichkeit, nicht nur Medienrezipienten zu sein, sondern selbst Inhalte zu produzieren. Sie können selbst Themen setzen, Aufmerksamkeit erregen, andere mobilisieren und Beteiligung organisieren.

Die konkreten Formen sind vielfältig. Dazu kann gehören, sich zu positionieren, sich aktiv einzubringen sowie andere zu aktivieren.

Sich positionieren heißt, Stellung zu gesellschaftlichen Fragen zu beziehen. Dies beginnt beim einfachen "Liken" von Inhalten in sozialen Netzwerken. Auch Gruppenmitgliedschaften, Statements in der Profilbeschreibung oder bestimmte Profilbilder gehören dazu.

Sich einbringen heißt, selbst aktiv zu werden. Dazu kann gehören, sich in Diskussionen einzubringen oder diese anzustoßen. Eine einfache Form in sozialen Netzwerken ist das Teilen eines Bildes oder eines Beitrags mit einem eigenen Kommentar dazu, der das eigene Netzwerk zu Reaktionen bewegt.

Andere aktivieren bedeutet, andere Nutzerinnen und Nutzer gezielt anzusprechen und zu bewegen, aktiv zu werden. Eine häufig zu beobachtende Form in sozialen Netzwerken ist das Weiterleiten eines Links zu einer Online-Petition oder einer Spendenaktion.

Die Beispiele machen deutlich, dass es bei den Formen der Beteiligung große Unterschiede gibt. Manche Formen des Engagements in sozialen Netzwerken werden oft skeptisch betrachtet, weil sie als oberflächlich gelten. Das "Liken" von Statements oder die Unterstützung von Petitionen per "Klick" haben der Kritik zufolge selten Auswirkungen auf die reale Politik. Oberflächliche politisch motivierte Aktivitäten werden oft als "Klicktivismus" bezeichnet.

Während ein großer Teil der Jugendlichen angibt, Online-Petitionen unterschrieben oder Protestmails verschickt zu haben, wird deutlich, dass die Partizipation auch im Internet ein voraussetzungsreicher Prozess ist. Kreativität und Selbstbestimmung lässt sich eher bei Jugendlichen aus bildungsmäßig und sozial besser gestellten Milieus beobachten. Jugendliche, die sich offline in Gruppen engagieren, sind auch eher online aktiv.

Beispiele wie die Resonanz auf die politische Positionierung einiger deutscher YouTube-Stars vor der Europawahl 2019 machen jedoch deutlich, dass Online-Engagement eine enorme Dynamik und Wirkung entfalten kann. Ein Beispiel, wie Online- und Offline-Engagement zusammenwirken, ist die "Fridays for Future"-Bewegung. Während sich hier viele Jugendliche persönlich in Gruppen und bei Demonstrationen vor Ort engagieren, trägt die Nutzung von sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten bedeutend dazu bei, dass die Bewegung in kurzer Zeit eine große Dynamik entfalten konnte.

Gute Bedingungen für "echte" Beteiligung

Generell gilt eine verstärkte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an politischen Prozessen als wichtiges Ziel. Bereits die Enquetekommission Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestags empfahl 2013 die Nutzung digitaler Werkzeuge, um Bürgerinnen und Bürger in Entscheidungsprozesse einzubinden und so Beteiligung und die Demokratie insgesamt zu stärken. In seiner Jugendstrategie hat das Bundesjugendministerium die Beteiligung von Jugendlichen als zentrales Handlungsfeld benannt.

Mittlerweile gibt es Erfahrungen mit einer Vielzahl von Formen und Werkzeugen der Beteiligung, die über die Alltagsnutzung von sozialen Netzwerken weit hinausgehen. Insbesondere auf der kommunalen Ebene wurden und werden vielerorts Beteiligungsprojekte mit Jugendlichen durchgeführt. Dazu gehören auch anspruchsvolle Verfahren, bei denen Kinder und Jugendliche in Entscheidungsprozesse in ihrem Umfeld einbezogen werden und mitbestimmen können.

In München zum Beispiel konnten sich Jugendliche in sogenannten Digitalwerkstätten in die Stadtentwicklung im Münchener Nordosten einbringen. Mithilfe digitaler Werkzeuge entwickelten sie selbst Ideen für ein neues Stadtviertel sowie für die Planung. Das Projekt "aula" ist ein Beteiligungskonzept, bei dem Schüler/-innen mithilfe einer Internetplattform ihr Schulumfeld mitgestalten.

Zu den Erkenntnissen aus der Praxis gehört aber auch, dass nicht jedes Format alle Jugendlichen gleichermaßen anspricht. "Online-Partizipation" ist also kein Selbstläufer, auch wenn fast alle Jugendlichen eine hohe Affinität zu digitalen Medien haben. Grundsätzlich muss sich digitale Jugendbeteiligung an den Lebensumständen der jungen Menschen ausrichten. Das gilt sowohl für die Inhalte aus auch für die konkrete Umsetzung – zum Beispiel wann und auf welcher Plattform die Beteiligung möglich ist.

Zudem erfordert anspruchsvolle Beteiligung Ressourcen. Die genannten Beispiele aus München beziehungsweise das Projekt Aula umfassen neben digitalen Plattformen auch Veranstaltungen vor Ort beziehungsweise eine pädagogische Begleitung. Dies beansprucht Zeit und Einsatz sowie grundlegende Kompetenzen, die gegebenenfalls im Beteiligungsprozess erworben werden müssen. 

Zu den Gelingensbedingungen zählt außerdem, dass der Beteiligungsprozess für alle Beteiligten transparent sein muss. Die Beteiligung muss an politische Entscheidungsprozesse angebunden werden und ein sichtbares Ergebnis haben.

Weiterführende Links

Bundesumweltministerium: Zukunft? Jugend fragen! Nachhaltigkeit, Politik, Engagement – eine Studie zu Einstellungen und Alltag junger Menschen
https://www.bmu.de/publikation/zukunft-jugend-fragen/ 

jugend.beteiligen.jetzt: Plattform für die Praxis digitaler Partizipation
https://jugend.beteiligen.jetzt 

Deutsches Jugendinstitut/TU Dortmund (2015): Politische Partizipation Jugendlicher im Web 2.0.
http://www.forschungsverbund.tu-dortmund.de/fileadmin/Files/Freiwilliges_Engagement/2015-01_Expertisen_Polit_Partizipation_WEB_2-0.pdf

Bundeszentrale für politische Bildung: Debatte "Politische Teilhabe im Netz"
https://www.bpb.de/dialog/netzdebatte/171508/politische-teilhabe-im-netz

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