Hintergrund

Nachhaltig handeln im Alltag

Menschen im Supermarkt

Von Bio-Obst über fairen Kaffee und Ökojeans bis hin zu ethischen Finanzprodukten: Wer im Alltag Gutes tun will, kann in fast allen Lebensbereichen auf entsprechende Möglichkeiten zurückgreifen. Eine Vielzahl von Labels und Auszeichnungen erleichtert die Auswahl. Doch davon gibt es mittlerweile so viele, dass sie mehr Verwirrung stiften als hilfreich zu sein. Und nicht alle werden hohen Ansprüchen gerecht. Bei Zweifeln und Widersprüchen helfen einige Faustregeln.

Für die Deutschen zählen Umwelt- und Klimaschutz zu den wichtigsten Problemen der Gegenwart, so die repräsentative Studie "Umweltbewusstsein in Deutschland 2012", die im Auftrag des Bundesumweltministeriums (BMU) erstellt wurde. Im Vergleich zur Vorgängerstudie im Jahr 2010 ist die Bedeutung dieser Themen deutlich gewachsen. Auch im Alltag achten demnach viele Menschen auf umweltbewusstes Verhalten. Viele sind sich bewusst, dass sie über ihre Kaufentscheidungen Ressourcen schonen, Müll vermeiden oder Arbeitsbedingungen in fremden Ländern verbessern können. Das Umweltbewusstsein ist vor allem beim Einkauf von Lebensmitteln hoch.

Dieses Bewusstsein wirkt sich jedoch nicht im gleichen Maße auf das Handeln aus, so die BMU-Studie. Zum Beispiel interessieren sich zwar 80 Prozent der Befragten für regionale Produkte und 59 Prozent finden die Idee fair gehandelter Waren überzeugend. Jedoch findet gleichzeitig mehr als die Hälfte der Deutschen die entsprechenden Angebote zu teuer. Die Mehrheit der Konsumentinnen und Konsumenten gibt stattdessen an, beim Lebensmitteleinkauf vor allem darauf zu achten, was frisch, preisgünstig und qualitativ hochwertig ist. Auch der Energieverbrauch der privaten Haushalte ist in den letzten Jahren kaum gesunken, obwohl zwei Drittel der Deutschen mehr politische Bemühungen im Umwelt- und Klimaschutz fordern.

Was sind Hindernisse für bewussten Konsum?

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dafür, warum beim Thema Nachhaltigkeit die Unterschiede zwischen Bewusstsein und Handeln auseinanderklaffen. Ein Ansatz lautet, dass viele Menschen nicht bereit sind, aus Gründen der Nachhaltigkeit auf die Erfüllung persönlicher Wünsche zu verzichten: zum Beispiel auf eine Flugreise oder auf die Flexibilität und Bequemlichkeit, die ein eigenes Auto bietet. Laut dieser sogenannten "Low-cost-Hypothese" handeln Menschen nur dann umweltbewusst, wenn sie dabei geringe Kosten und Umstände haben.

Andere Fachleute gehen davon aus, dass vielen Menschen schlicht die nötigen Informationen fehlen beziehungsweise, dass diese widersprüchlich sind. Sie stecken demnach in "ökologisch-sozialen Dilemmata", so der Fachbegriff.

Die Hindernisse sind leicht nachvollziehbar, wenn in Betracht gezogen wird, welche Kriterien für nachhaltigen Konsum gelten. Bei jeder Entscheidung für einen Kauf oder eine Dienstleistung müsste abgewogen werden, welche Folgen diese für die Umwelt, für die an der Produktionskette beteiligten Menschen und für künftige Generationen haben kann. Der gesamte Lebenszyklus von Konsumgütern müsste dabei einbezogen werden, von der Herstellung und der Verarbeitung über den Handel und die Nutzung bis hin zur Entsorgung.

Labels und Gütesiegel: Konsum-Wegweiser im Alltag?

Zahlreiche Logos und Siegel versprechen, den Verbraucherinnen und Verbrauchern ihre Entscheidungen zu erleichtern. Es gibt viele verschiedene Formen, für die häufig auch der englische Sammelbegriff "Label" verwendet wird. Darunter versteht man Kennzeichnungen, die Informationen zusammenfassen und vereinfachen und somit besondere Eigenschaften eines Produktes oder einer Dienstleistung hervorheben und leichter erkennbar machen. Labels gehen über die gesetzlich vorgeschriebenen Informationspflichten hinaus, zu denen zum Beispiel Preis- und Mengenangaben, aber auch Inhaltsstoffe und Sicherheitshinweise gehören. Labels vermitteln zusätzliche Informationen. Auf diese Weise kann sich ein Produkt gegenüber einem anderen Produkt mit dem gleichen Gebrauch abgrenzen.

Bestimmte Labels können eine wichtige Grundlage für eine selbstbestimmte Entscheidung für nachhaltigeren Konsum sein. Zu den bekanntesten zählen in Deutschland der "Blaue Engel" und das Bio-Siegel. Der "Blaue Engel" ist eine der ältesten umweltschutzbezogenen Kennzeichnungen in Deutschland. Er wurde 1978 ins Leben gerufen. Mit ihm werden Produkte und Dienstleistungen gekennzeichnet, die besonders umweltfreundlich sind. Dazu müssen sie Ansprüche in den Bereichen Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und Gebrauchstauglichkeit erfüllen. Ein staatliches Bio-Siegel für Lebensmittel gibt es in Deutschland seit 2001, im Jahr 2012 wurde ein weiteres, EU-weit geltendes Bio-Siegel eingeführt. Auch für nachhaltige Kosmetik oder Reiseangebote und weitere Konsumbereiche gibt es Zeichen, die auf Aspekte der Nachhaltigkeit hinweisen.

Was steckt hinter Produktkennzeichnungen?

Doch für mehr Überblick sorgen die Produktkennzeichnungen nur eingeschränkt, denn mittlerweile gibt es eine unüberschaubare Vielzahl davon. Weit mehr als 1.000 verschiedene Labels kleben auf Produkten oder zeichnen Dienstleistungen oder Internetangebote aus, so der Informationsdienst label-online.de. Dahinter können sich ganz unterschiedliche Informationssysteme und Marketinginstrumente verbergen.

Darunter gibt es Produktlabels, die auf ganz bestimmte Eigenschaften hinweisen. Dazu zählen Umweltzeichen, oft auch Öko-Labels genannt, und Nachhaltigkeitslabels, bei denen neben ökologischen Gesichtspunkten auch soziale und wirtschaftliche Kriterien berücksichtigt werden. Auch Regionalzeichen sind Produktlabels. Sie weisen darauf hin, dass ein Produkt aus einer bestimmten Region kommt. Neben Produktlabels gibt es unter anderem Eigenmarken und Firmenlabels wie die Bioproduktlinien der großen Supermarktketten, Gütezeichen wie das der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft e.V. (DLG) für Lebensmittel sowie Prüfzeichen wie die von TÜV und Stiftung Warentest.

Während häufig verschiedene Kennzeichen scheinbar gleichberechtigt auf Produktverpackungen abgebildet sind, kann sich ihre Aussagekraft erheblich unterscheiden. Die wichtigsten Unterschiede liegen darin, welche Kriterien für die Kennzeichnung gelten, durch welche Vorgänge geprüft wird, dass diese Kriterien auch wirklich eingehalten werden.

Um ein Siegel zu verwenden lassen Hersteller ihre Produkte oder Dienstleistungen in der Regel freiwillig kontrollieren, oder sie verpflichten sich, bestimmte Anforderungen zu erfüllen. Über die Vergabe des Siegels entscheiden die jeweiligen Trägerorganisationen beziehungsweise Rechteinhaber. Diese entwickeln auch die Vergabekriterien. Nur wenige Siegel haben eine rechtliche Grundlage, wie zum Beispiel das EU-Bio-Siegel oder das deutsche Bio-Siegel. Einige Siegel, die sogenannten Gütezeichen, werden nur vom Deutschen Institut für Kennzeichnung und Gütesicherung (RAL) vergeben. Dazu zählen zum Beispiel der Blaue Engel oder das europäische Umweltzeichen EU Ecolabel.

Marketing und Greenwashing?

Labels und Logos neu zu erfinden ist bis auf wenige Ausnahmen ohne Einschränkung möglich. Zwar gibt es laut EU-Gesetzgebung Einschränkungen bezüglich der Verwendung bestimmter Begriffe wie "bio"/"biologisch" und "öko"/"ökologisch" auf Verpackungen, doch darf gemäß dem Markenrecht jeder ein eigenes "Markenzeichen" haben. Auf diese Weise sind vor allem in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Nachhaltigkeitslabels und -logos mit zum Teil völlig unterschiedlichen Schwerpunkten und Qualitätsansprüchen entstanden.

Diese Vielfalt erschwert den Überblick und beeinträchtigt das Vertrauen der Verbraucher in die Glaubwürdigkeit der Siegel. In der BMU-Studie zum Umweltbewusstsein äußerten Verbraucherinnen und Verbraucher, die keine Biolebensmittel kaufen, in vielen Fällen Zweifel an der Umweltfreundlichkeit der Produkte und der Zuverlässigkeit des Siegels.

Verbraucherschutz- oder Umweltorganisationen kritisieren immer wieder Fälle von "Greenwashing" mithilfe von Labels – manche Unternehmen würden demnach Umweltlabels nur zu Marketingzwecken verwenden oder sogar eigene Labels mit niedrigen Anforderungen ins Leben rufen.

Wie hinterfrage ich ein Label richtig?

Labels weisen erhebliche Qualitätsunterschiede auf: Sie unterscheiden sich in ihrer Ausrichtung, ihrem Anspruchsniveau und ihrer Aussagekraft, aber auch in ihrer Unabhängigkeit und Transparenz. Die Website label-online.de hat über 150 Labels bewertet und dafür ein einheitliches Schema entwickelt. Die Bewertung umfasst unter anderem folgende Punkte:

Anspruch: Die Vergabekriterien gehen deutlich über das gesetzlich Vorgeschriebene hinaus.

Unabhängigkeit: Die Kriterien werden unter Hinzuziehung von weitgehend unabhängigen und kompetenten Fachleuten entwickelt.

Kontrolle: Die Vergabekriterien sind eindeutig und nachvollziehbar. Ihre Einhaltung wird umfassend kontrolliert; bei Verstößen gegen die Vergabekriterien wird das Label gegebenenfalls entzogen.

Transparenz: Vergabekriterien, Vergabeverfahren und Kontrollverfahren sind für Verbraucher verständlich sowie öffentlich und kostenlos zugänglich. Informationen zu Zielen und Trägerschaft sind ebenfalls öffentlich. Das Logo des Labels ist so gestaltet, dass es nicht mit einem anderen Zeichen verwechselt werden kann.

Labels allein genügen nicht

Es gibt kein Allround-Nachhaltigkeitslabel, das alle Aspekte der Nachhaltigkeit abdeckt und gleichzeitig transparent und zuverlässig ist. Vielmehr gibt es verschiedene Labels für verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit sowie verschiedene Bereiche wie die Lebensmittel-, Textil-, Kosmetik- oder Tourismusbranche. Verbraucherinnen und Verbraucher, die ihre Alltagsentscheidungen an Prinzipien der Nachhaltigkeit ausrichten möchten, kommen demnach nicht darum herum, sich zu informieren.

Wichtig ist dabei zunächst, sich selbst Klarheit über die eigenen Interessen zu schaffen: Welche Nachhaltigkeitskriterien haben aus persönlicher Sicht Vorrang? Dann können die Interessen zum Beispiel mit den Kriterien eines Siegels abgeglichen werden.

Über die Beachtung von Siegeln hinaus raten jedoch Institutionen wie die Verbraucherzentralen oder das Umweltbundesamt dazu, selbst auf weitere Kriterien zu achten. So weisen die Verbraucherzentralen darauf hin, dass saisonal geerntetes Gemüse und Obst aus der Region fast immer unschlagbar klimafreundlich ist. Wer jedoch mit dem Auto zum Supermarkt fährt, macht diesen Vorteil allerdings schnell wieder zunichte.

Alternativen zum Kauf von Produkten

In der Diskussion über nachhaltigen Konsum wird gelegentlich darauf hingewiesen, dass allein der Kauf bestimmter Produkte nicht als nachhaltiges Handeln bezeichnet werden kann. Vielmehr geht es darum, einen insgesamt verträglichen Lebensstil zu führen. Kritiker führen an, dass Ökoprodukte mittlerweile bei kaufkräftigen jungen Zielgruppen geradezu als Statussymbole gehandelt würden. Diese Gruppe würde zwar auf nachhaltige Produkte achten, dafür aber vergleichsweise viel konsumieren und mobiler sein. Sie wird häufig als LOHAS bezeichnet, von "Lifestyle of Health and Sustainability".

Es gibt eine wachsende Zahl von Initiativen und Unternehmen, die genau dort ansetzen und darauf zielen, die Herstellung neuer Produkte zu begrenzen und somit die damit verbundenen Umweltbelastungen zu verringern. Ein Ansatz ist, Produkte intensiver zu nutzen – Carsharing ist das bekannteste Beispiel. Auch wenn es darum geht, anderen Menschen etwas Gutes zu tun, gibt es Alternativen zum Kauf neuer Produkte. Eine besteht darin, „Zeit“ zu schenken, unter dem Motto "Zeit statt Zeug". Das kann zum Beispiel eine gemeinsame Unternehmung sein, aber auch tatkräftige Unterstützung für Bedürftige.

Auch große Hilfsorganisationen bieten mit nachhaltiger Wirkung für die Empfänger an. So kann man über die Plattform savethechildren.de Kindern in 120 Ländern der Welt Spenden wie Hühner oder den Bau eines Klassenzimmers zukommen lassen. Die Organisation Oxfam Deutschland e.V. bietet unter dem Motto "unverpackt" an, Geschenke zu machen, die Menschen helfen, selbst einen Weg aus der Armut zu finden. Darunter sind zum Beispiel Honigbienen. Beide Organisationen sind übrigens mit einem Siegel ausgezeichnet, dem DZI-Spendensiegel, das für verantwortungsvollen Umgang mit den Spenden steht.

Weiterführende Links

Label online: Informations- und Bewertungsportal zu Labels in Deutschland
http://label-online.de

Umweltbundesamt: Umweltbewusst leben – der Verbraucher-Ratgeber
http://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/umweltbewusstleben

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
http://www.bmel.de/DE/Ernaehrung/Kennzeichnung/FreiwilligeKennzeichnung/FreiwilligeKennzeichnung_node.html

Verbraucherzentrale: Klimagesund einkaufen
www.verbraucherzentrale.de/klimagesund

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