Hintergrund
23.04.2020 | Klima | Digitalisierung

Sozialforschung zu politischen Einstellungen junger Menschen

Grundschule, Sekundarstufe

Die Bewegung Fridays for Future hat deutlich gemacht, dass sich viele Jugendliche mit politischen Fragen beschäftigen. Und sie zeigt, dass junge Menschen oft einen anderen Blick darauf haben als Erwachsene. Klima- und Umweltschutz zählen für sie zu den wichtigsten Anliegen, das belegen auch verschiedene sozialwissenschaftliche Studien.

Im Jahr 2018 entwickelte sich Fridays for Future, eine weltweite Bewegung junger Menschen, die sich für den Klimaschutz einsetzen. Auslöser war eine Protestaktion der damals 16-jährigen Schülerin Greta Thunberg in Schweden. Statt zur Schule zu gehen, protestierte sie wochenlang freitags vor dem schwedischen Parlament, zunächst allein.

Ihre zentrale Forderung: Die Politik solle wirksame Maßnahmen für den Klimaschutz umsetzen und sich an die Ziele des UN-Klimaschutzabkommens von Paris halten. Denn alles andere setze die Zukunft der jungen Menschen aufs Spiel.

Innerhalb kurzer Zeit schlossen sich in vielen Ländern der Welt junge Menschen dem Protest an. In den Jahren 2018 und 2019 organisierte die Bewegung eine Reihe von Protestaktionen, unter anderem mehrere weltweite Aktionstage im Frühjahr sowie im Herbst 2019. Allein in Deutschland nahmen daran mehrere hunderttausend Menschen teil.

Fridays for Future löste eine gesellschaftliche Debatte über die Beteiligung junger Menschen an der Politik aus. Der Bundestag debattierte im März 2019 in einer aktuellen Stunde darüber. (Siehe auch Thema der Woche Schulstreiks fürs Klima)

Politik trägt Verantwortung für die Zukunft junger Menschen

Die inhaltlichen Ziele der Bewegung – die Umsetzung wirksamer Klimaschutz-Maßnahmen – fanden breite Unterstützung. Teilweise kontrovers wurde dagegen über die Form des Protests diskutiert. Dabei wurden grundlegende Fragen der Beteiligung von Jugendlichen deutlich.

Dazu gehört, dass Jugendliche Gegenstand beziehungsweise Betroffene von Politik sind, aber nicht dieselben Mitspracherechte wie Erwachsene haben. (Siehe auch Hintergrundtext: Mitgestalten – die Rechte und Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen) Während der Debatte über Fridays for Future wurde insbesondere deutlich, dass das Bewusstsein für politische Fragen bei vielen Jugendlichen ausgeprägter ist, als manche Erwachsene erwarten. Zudem wurde deutlich, dass sie oftmals einen anderen Blick auf gesellschaftliche Fragen haben, geprägt durch die jeweils besonderen Rahmenbedingungen für jede Generation.

Ein zentrales Thema der Debatte war, dass die Interessen und Wünsche junger Menschen eine wichtige Rolle für die Politik spielen müssen. Die Erwachsenen tragen Verantwortung für Jugendliche und müssen diese berücksichtigen. Jüngere Generationen sind die künftigen Erwachsenen, und sie haben ein Recht auf eine lebenswerte Zukunft. Dies entspricht den grundlegenden Prinzipien der Nachhaltigkeit.

Konkret heißt das, dass die Bedürfnisse junger Menschen bei politischen Entscheidungen ausreichend berücksichtigt werden müssen. Gleichzeitig haben Jugendliche zum Teil nur eingeschränkte Möglichkeiten, sich zu beteiligen – das betrifft sowohl die Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern, als auch die Möglichkeit, selbst zu entscheiden und zum Beispiel an Wahlen teilzunehmen.

Was ist das Besondere an der Perspektive junger Menschen?

In verschiedenen Studien werden immer wieder die Einstellungen junger Menschen erforscht. Dazu gehören zwei Jugendstudien, die vom Bundesumweltministerium und dem Umweltbundesamt in Auftrag gegeben wurden. Die sozialwissenschaftlichen Studien wurden 2019 und 2017 durchgeführt. Die Ergebnisse der jüngeren Studie wurden 2020 veröffentlicht und werden im nächsten Abschnitt vorgestellt.

Darüber hinaus gibt es weitere Studien, in denen es um die Einstellungen von Jugendlichen zur Politik geht. Bekannt ist zum Beispiel die Shell-Jugendstudie. Die 18. Shell-Jugendstudie kam – ähnlich wie die BMU-Studien – unter anderem zu dem Ergebnis, dass die zukunftsrelevanten Themen Umwelt- und Klimaschutz große Bedeutung für die gegenwärtige junge Generation haben.

Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) veröffentlicht regelmäßig Kinder- und Jugendberichte, die von einer Kommission aus Fachleuten erarbeitet werden. Zuletzt ist 2017 der 15. Bericht erschienen.

Demnach sind das Jugendalter und das junge Erwachsenenalter dadurch gekennzeichnet, dass junge Menschen ihre Handlungsfähigkeit entwickeln und lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Und sie entwickeln ein Verständnis der eigenen Position in der Gesellschaft.

BMU-Jugendstudie: Die Einstellungen junger Menschen zu Umwelt- und Klimaschutz

Die Ergebnisse der Studie "Zukunft? Jugend fragen!" von 2020 geben Einblick in die Lebenswelt junger Menschen, in ihre Einstellungen und Verhaltensmuster zu den Themen Umwelt, Klima, Politik sowie Engagement.

Für junge Menschen in Deutschland ist der Schutz von Umwelt und Klima ein Top-Thema, so lautet ein zentrales Ergebnis der Jugendstudie des Bundesumweltministeriums, die 2019 durchgeführt wurde.

Demnach ist die deutliche Mehrheit von ihnen politisch interessiert, bereit zum Engagement und sie vertraut auf die Demokratie. Junge Menschen erwarten, dass die Politik mehr tut für Klima und Umwelt und dass sie dabei auf soziale Gerechtigkeit achtet. Gleichzeitig sehen sie auch bei jeder und jedem Einzelnen noch Potenzial, sich stärker umweltgerecht zu verhalten.

Allerdings stimmen nur drei Prozent voll und ganz und 20 Prozent eher der Aussage zu, dass sich Politikerinnen und Politiker darum kümmern, was die Leute denken.

Viele der 14- bis 22-Jährigen engagieren sich in verschiedensten Formen für die Umwelt. 80 Prozent kennen Fridays for Future, und ein Viertel der Befragten hat schon einmal an einem Freitag fürs Klima gestreikt. Mehr als die Hälfte hat schon einmal Aktionen oder Petitionen für die Umwelt im Internet unterstützt.

Die Gründe für eine Teilnahme an den Streiks von Fridays for Future sind divers. Motive wie das viel diskutierte Fernbleiben vom Unterricht spielt bei den Befragten aber nahezu keine Rolle. Denjenigen, die auch zukünftig bei Fridays for Future mitstreiken wollen, ist das vor allem deshalb wichtig, weil das Thema für die Zukunft eine große Bedeutung hat (67 Prozent). 57 Prozent geben an, dass sie etwas bewegen wollen und 35 Prozent wollen etwas Sinnvolles tun.

Dagegen gibt es für einen beträchtlichen Teil der Befragten wichtige Gründe, die sie an einer Teilnahme hindern. 39 Prozent der Befragten geben an, dass sie momentan andere Herausforderungen im Leben bewältigen müssen, etwa die Schule abschließen oder einen Job finden. Fast genauso viele wollen den Unterricht nicht verpassen (36 Prozent) oder finden, dass sie nicht der Typ für solche Aktionen sind (35 Prozent). Nur sieben Prozent der Befragten nehmen aus mangelndem Interesse nicht teil oder finden Fridays for Future "uncool".

Junge Menschen glauben, dass viele Akteure für den Umwelt- und Klimaschutz handeln müssen. Für sie gehören nicht nur Industrie und Bundesregierung zu den wichtigsten, sondern auch jede und jeder Einzelne. Gleichzeitig findet nur eine Minderheit, dass diese Akteure genug für den Umwelt- und Klimaschutz tun.

Insgesamt haben die Befragten den Eindruck, dass gerade diejenigen Akteure, die viel Einfluss haben, nicht genug tun. Das betrifft insbesondere jede und jeden Einzelnen, die Bundesregierung und die Industrie. Die Rolle der Umweltverbände bewerten die Befragten umgekehrt: Nur 17 Prozent zählen sie zu den wichtigsten Akteuren – aber 70 Prozent finden, dass sie genug oder eher genug für den Umwelt- und Klimaschutz tun. Auch die Wissenschaft und Bildungseinrichtungen schneiden aus Sicht der Befragten hinsichtlich ihres Engagements besser ab, haben ihrer Meinung nach jedoch weniger Einfluss.

Weitere Ergebnisse – unter anderem zum Thema Digitalisierung – und Details zur Studie sind auf der Internetseite des Bundesumweltministeriums zugänglich unter www.bmu.de/PU581.

Welche Methoden wurden in der Jugendstudie verwendet?

Eine Besonderheit der BMU-Studie ist, dass sie durchgängig von jungen Menschen begleitet wurde. Erwachsene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie ein zehnköpfiger Jugendprojektbeirat arbeiteten zusammen, von der Erstellung der Forschungsfragen bis zur Auswertung und Kommunikation der Ergebnisse.

Die Jugendlichen konnten zunächst Anregungen geben, welche Themen in der Studie behandelt werden sollten. Anschließend wurden sogenannte Fokusgruppendiskussionen in kleinen Gruppen durchgeführt. Dabei ging es darum, die Einstellungen junger Menschen zu Nachhaltigkeits- und Umweltthemen besser zu verstehen.

Schließlich wurden mehr als 1.000 junge Menschen zwischen 14 und 22 Jahren mittels Online-Fragebogen befragt. Diese Befragung bildet den Kern der Studie. Die Ergebnisse sind repräsentativ, das bedeutet, dass die Ergebnisse nicht nur für die Stichprobe der Befragten gelten. Sie sind vielmehr ein verkleinertes Abbild der Gesamtheit dieser Altersgruppe.

Merkmale und Methoden der empirischen Sozialforschung

Die BMU-Jugendstudie ist ein Beispiel für empirische Sozialforschung. Empirisch bedeutet "auf Erfahrung beruhend" beziehungsweise auf erfahrbaren Tatsachen beruhend. Die Sozialforschung sammelt zunächst Daten und Informationen und analysiert und interpretiert diese. Ziel ist, die Wirklichkeit möglichst genau und unvoreingenommen zu beschreiben.

Zu den wichtigsten Techniken zur Erhebung von Informationen zählen Befragungen, wie sie in der BMU-Jugendstudie durchgeführt wurden. Sehr verbreitet sind Befragungen per Fragebogen, mündlich oder über das Internet. Auch Inhaltsanalysen zählen zu den Techniken. Dabei werden unter anderem Gespräche ausgewertet. Zum Beispiel Interviews oder Äußerungen in Gruppendiskussionen wie den Fokusgruppen der BMU-Studie.

Während anerkannt ist, dass Sozialwissenschaft auf Tatsachen beruhen sollte, ist umstritten, was genau als Tatsache gelten kann: Nur das, was gemessen oder gezählt werden kann oder auch das, was zwar in Worten beschreibbar ist, aber nicht in Zahlen wiedergegeben werden kann? Wenn mittels Fragebogen Zahlen erhoben werden, wird dies als quantitative Sozialforschung bezeichnet. Die inhaltliche Analyse von Interviews zählt zur sogenannten qualitativen Sozialforschung.

Bei der Erforschung von Einstellungen wie in der BMU-Jugendstudie wird deutlich, dass es Unsicherheiten in der Sozialforschung gibt. Denn Einstellungen sind komplex und schwer in Worte zu fassen. So können je nach Formulierung der Fragestellung die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen, selbst wenn dieselben Personen befragt werden. Zudem verstehen verschiedene Befragte die Formulierungen möglicherweise unterschiedlich. Daher wird in der Sozialforschung große Sorgfalt auf die Entwicklung der Studien und der Fragestellungen verwendet. Zudem werden oft mehrere Methoden kombiniert wie in der BMU-Jugendstudie.

Weiterführende Links

Bundesumweltministerium: Studie: Zukunft? Jugend fragen!
https://www.bmu.de/publikation/zukunft-jugend-fragen-umwelt-klima-politik-engagement-was-junge-menschen-bewegt/

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): 15. Kinder- und Jugendbericht
https://www.bmfsfj.de/blob/115438/d7ed644e1b7fac4f9266191459903c62/15-kinder-und-jugendbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf 

Bundeszentrale für politische Bildung: Forschen mit Grafstat – Unterrichtsprojekte mit Umfragen
https://www.bpb.de/lernen/grafstat/ 

jugend.beteiligen.jetzt: Hilfe für die Praxis digitaler Jugendbeteiligung
https://jugend.beteiligen.jetzt/

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): Jugendstrategie der Bundesregierung
https://www.bmfsfj.de/blob/141940/a9789d196ec8313b0b6bda4d5fd18eae/in-gemeinsamer-verantwortung-politik-fuer-mit-und-von-jugend-data.pdf

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