Hintergrund

Vom Umweltbewusstsein zum nachhaltigen Handeln

Blumenwiese
Grundschule, Sekundarstufe

Klima- und Umweltschutz gehört zu den wichtigsten Themen der Deutschen, zeigen aktuelle Studien zum Umweltbewusstsein. Doch zwischen dem Bewusstsein und dem tatsächlichen Verhalten herrscht oft eine Kluft. Wie denken die Deutschen über Klima-, Umwelt- und Naturschutz? Wovon hängt es ab, ob dies ihr Handeln beeinflusst? Und was motiviert Menschen, die sich engagieren?

Die öffentlichen Diskussionen der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass sehr viele Menschen in Deutschland grundsätzlich ein stark ausgeprägtes Bewusstsein für Umweltthemen haben. Große Aufmerksamkeit erzielten in letzter Zeit zum Beispiel Themen wie Plastikmüll, die Luftqualität in den Städten, der Dürresommer 2018 und der Zusammenhang mit dem Klimawandel, Kohleenergie und Braunkohleförderung sowie die "Fridays for future"-Bewegung.

Die Umweltbewusstseinsstudie 2018, die im Mai 2019 vom Bundesumweltministerium (BMU) und dem Umweltbundesamt (UBA) veröffentlicht wurde, bestätigt dies. 64 Prozent der Befragten zählen Umwelt- und Klimaschutz zu den wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen. Damit zählt dies nach Bildung (69 Prozent) und sozialer Gerechtigkeit (65 Prozent) zu den wichtigsten Themen überhaupt. Außerdem findet die überwältigende Mehrheit, dass wichtige Akteure wie Bundesregierung und Industrie nicht genug für den Umwelt- und Klimaschutz tun. Auch das eigene Engagement der Bürgerinnen und Bürger wird von den allermeisten als nicht ausreichend bewertet. 

Gleichzeitig wird deutlich, dass die Befragten in ihrem Alltag nicht immer im Sinne des Umwelt- und Klimaschutzes handeln. Umweltbewusstes Verhalten ist demnach weniger verbreitet als die Sorge über und das Erkennen von Umweltproblemen, so ein zentraler Befund der Umweltbewusstseinsstudie.

Vom Problembewusstsein zum nachhaltigen Handeln?

Einstellungen und Verhaltensweisen zu Umwelt und Natur werden bereits seit Langem erforscht. Dabei wird nicht nur thematisiert, dass die Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Politik unzureichend sind, um individuell stets nachhaltig zu handeln. Auch eine gewisse Kluft zwischen Bewusstsein und individuellem Handeln wird deutlich. 

Die Umweltbewusstseinsstudie wird seit 1996 alle zwei Jahre durchgeführt. Zudem gibt das Bundesamt für Naturschutz seit 2009 alle Jahre Studien zum Naturbewusstsein heraus. Darin geht es vor allem um die Einstellungen der Befragten zu Natur und Umwelt.

Diese Studien sollen neben Erkenntnissen zu Einstellungen und Handlungsbereitschaft (Engagement) auch Hinweise liefern, wie Kommunikation zu Umwelt- und Naturschutzthemen gelingen kann. Zum Beispiel stellt sich die Frage, wie Politik, Wirtschaft oder Umweltverbände im Rahmen ihrer Informationsangebote zu mehr Nachhaltigkeit beitragen können.

Denn um gesamtgesellschaftliche Veränderungen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen, muss dies von allen Akteuren im Alltag, bei der Arbeit, bei politischen Entscheidungen und in der Wirtschaft berücksichtigt und umgesetzt werden. Informations-, Kommunikations- und Bildungsmaßnahmen können dabei einen wichtigen Beitrag leisten. 

Große Unterstützung für Umwelt- und Naturschutz

Die Ergebnisse vieler Befragungen erscheinen aus Sicht des Umwelt- und Naturschutzes auf den ersten Blick sehr positiv. Umwelt- und Klimaschutz sind den Menschen in Deutschland wichtig, und ihre Bedeutung hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Umweltbewusstseinsstudie 2018 zeigt, dass die meisten Menschen Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen in Bereichen wie Energie, Landwirtschaft, Städtebau und Verkehr unterstützen. Umwelt- und Klimaschutz hat auf der Einstellungsebene Eingang in den Mainstream gefunden. 

Bei Jugendlichen ist das Umweltbewusstsein sogar noch stärker ausgeprägt als im Durchschnitt der Bevölkerung. Fast 80 Prozent der 14- bis 19-Jährigen finden Umwelt- und Klimaschutz sehr wichtig, während das im Bevölkerungsdurchschnitt auf 64 Prozent zutrifft. Für junge Menschen ist dies das wichtigste Thema überhaupt. Vor allem der Klimawandel beschäftigt diese Generation in hohem Maße.

Die große Mehrheit der Befragten sieht darüber hinaus große Chancen in einer nachhaltigen Entwicklung. Sie erwarten, dass diese mehr Gesundheit, Lebensqualität und Naturverbundenheit ermöglicht sowie mehr Gemeinschaft und mehr Zeit für selbstbestimmte Lebensgestaltung.

Auch der Naturschutz hat enormen Rückhalt in der Bevölkerung, das geht aus den Naturbewusstseinsstudien des Bundesamtes für Naturschutz hervor. So ist laut der jüngsten Studie eine große Mehrheit für einen besseren Schutz der Meere sowie die Ausweitung von Meeresschutzgebieten – und erklärt sich bereit, dafür auch höhere Fischpreise in Kauf zu nehmen. Generell hat ursprüngliche Natur ein sehr gutes Image. Den meisten Menschen gefällt Natur umso besser, je wilder sie ist, ergab die Naturbewusstseinsstudie 2013

Die Kluft zwischen Bewusstsein und Handeln

Die hohen Zustimmungswerte zu Fragen des Umwelt-, Klima- und Naturschutzes werden in der Realität jedoch nicht immer gelebt.

Zum Beispiel im Bereich Lebensmittelkonsum. So betrachten laut Umweltbewusstseinsstudie 63 Prozent der Befragten Umweltbelastungen durch Pflanzenschutzmittel als großes Umweltproblem der heimischen Landwirtschaft. Doch Bio-Lebensmittel sind nach wie vor Nischenprodukte, ihr Anteil am Lebensmittelmarkt betrug im Jahr 2017 nur 5,1 Prozent. 

Ein anderes Beispiel ist Mobilität. Umwelt- und Klimaschutz soll bei Fragen der Verkehrspolitik eine übergeordnete Bedeutung haben, meinen 53 Prozent der Befragten. Gleichzeitig ist das eigene Auto das am häufigsten genutzte Verkehrsmittel, 70 Prozent nutzen es mindestens mehrmals pro Woche. 

Und: Zwar sind viele Menschen bereit, sich persönlich für soziale oder ökologische Ziele zu engagieren. Jedoch tut dies bislang nur eine Minderheit. Die Formen des Engagements sind durchaus unterschiedlich: Während sich einige Menschen in ihrem privaten Umfeld für soziale und ökologische Werte einsetzen oder ihren Alltag daran ausrichten, ist nur etwa jeder Achte in einer Organisation engagiert, zum Beispiel in einem Verein.

Wie kommen die Unterschiede zwischen Umweltbewusstsein und -handeln zustande?

Es gibt eine Reihe von Gründen für die Unterschiede zwischen Umweltbewusstsein und tatsächlichem Verhalten. Teilweise spielen leicht nachvollziehbare, rationale Faktoren eine Rolle.

Menschen sind vor allem dann bereit ihr Verhalten zu ändern, wenn sie dafür auf wenig verzichten müssen und die Veränderung möglichst wenig zusätzlichen zeitlichen, organisatorischen und finanziellen Aufwand für sie bedeutet. Klimafreundliche Mobilität zum Beispiel lässt sich in Städten mit kurzen Wegen und einem attraktiven öffentlichen Nahverkehr wesentlich leichter im Alltag umsetzen als auf dem Land. Und: Höhere Preise zum Beispiel für nachhaltig produzierte Lebensmittel oder besonders effiziente Geräte sind nicht für alle Menschen bezahlbar. 

Doch Kosten-Nutzen-Motive und Gewohnheiten sind nicht immer ausreichend, um die Kluft zwischen Bewusstsein und Verhalten zu erklären. Darüber hinaus spielt die Psychologie in mehrfacher Hinsicht eine Rolle.

So werden bereits Umfrageergebnisse dadurch beeinflusst, dass viele der Befragten zu Antworten neigen, die sie für erwünscht halten. Der Schutz der Natur gilt als gesellschaftliche Norm, darum ist zu erwarten, dass die Zustimmung höher ausfällt, als es der persönlichen Meinung der Befragten entspricht. Dieser Effekt wird als soziale Erwünschtheit bezeichnet. Vielen Befragten ist die Verzerrung nicht bewusst, sie täuschen sich selbst.

Zudem können auch schlicht Gewohnheiten Menschen daran hindern, sich ihrem Umweltbewusstsein entsprechend zu verhalten. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn man vergisst, regelmäßig die Heizung abzudrehen, bevor man das Haus verlässt.

Zu den weiteren psychologischen Faktoren gehört, ob die Menschen das Gefühl haben, durch ihr Handeln etwas ändern zu können. Die Psychologie hat dafür den Begriff Selbstwirksamkeitserwartung geprägt. Auch die Wahrnehmung sozialer Normen und der Wirkung des gemeinsamen Handelns spielen eine Rolle: Wie verhalten sich die anderen? Können wir als Gruppe oder Gesellschaft gemeinsam etwas erreichen? 

Zusammenfassend heißt das, dass umweltfreundliches und nachhaltiges Verhalten besonders gut gelebt werden kann, wenn es mit den Alltagsabläufen und Lebenswirklichkeiten der Menschen im Einklang steht. Aufgabe der Politik und Wirtschaft ist es, Rahmenbedingungen zu entwickeln, die dies möglich machen.

Unterschiedliche Gruppen, unterschiedliche Ansprache

Um Alltagskulturen und Lebenswelten besser zu verstehen, werden für Studien wie die zum Umwelt- und Naturbewusstsein oft sogenannte soziale Milieus betrachtet. Das sind Gruppen von Menschen, die zum Beispiel ähnliche Werte und Prinzipien der Lebensführung haben. Auch die soziale Lage und das Alter spielen eine Rolle. Diese Eigenschaften und Merkmale sind der Hintergrund, vor dem die Menschen ihre Umwelt deuten und handeln können.

Ein Milieu ist zum Beispiel das sogenannte traditionelle Milieu. Dazu zählen meist ältere Personen über 70 Jahre. Ihr Lebensmotto kann beschrieben werden mit: Hoffentlich bleibt alles so, wie es ist. Ein Milieu mit gegensätzlichen Einstellungen ist das sogenannte junge idealistische Milieu. Hierzu zählen Menschen aus der Altersgruppe von 14 bis 30 Jahren, die über eine hohe Bildung verfügen. Für sie sind Toleranz, Respekt und Vielfalt wichtig, ebenso wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz.

Die Forschung zum Umweltbewusstsein legt nahe, dass verschiedene Milieus beziehungsweise verschiedene Zielgruppen auch Kommunikationsmaßnahmen wie Informationskampagnen unterschiedlich aufnehmen. Um Verhaltensänderungen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen, sollten Kommunikationsmaßnahmen die Lebenswirklichkeit der unterschiedlichen Zielgruppen berücksichtigen und daran anknüpfen. 

Wie kann "Umweltkommunikation" funktionieren?

Viele Akteure der Umweltpolitik stehen vor der Herausforderung, dass ihre Themen komplex sind. Zudem besteht das Risiko, dass klima- oder umweltverträglicheres Verhalten teilweise mit Verzicht in Verbindung gebracht werden – zum Beispiel der Verzicht auf Flugreisen oder bestimmte Lebensmittel. 

Ein Beispiel ist das Thema Klimawandel. Der Weltklimarat IPCC hat eigens ein Handbuch für die Kommunikation herausgegeben. Zu den Empfehlungen gehört unter anderem, daran anzuknüpfen, was der Zielgruppe wichtig ist; über die reale Welt zu sprechen statt über abstrakte Themen sowie die Botschaften in Form von Geschichten (Storys) zu erzählen, in denen Menschen im Mittelpunkt stehen. Wenn zudem Lösungen aufgezeigt werden, hilft dies, Zustimmung zu fördern.

Das sogenannte Storytelling wird seit einigen Jahren im Bereich des Marketings viel diskutiert. Dahinter steht, dass Geschichten zum einen eine große Faszination ausüben und dass sich zum anderen mithilfe von Geschichten komplexe Themen auf das Wesentliche verdichten lassen. Menschen neigen dazu, sich mit den Protagonisten guter Geschichten zu identifizieren. Zudem enthalten gute Geschichten in der Regel einen Konflikt, der für Spannung sorgt und sich dadurch einprägt.

Bei der Entwicklung von Kommunikationsmaßnahmen können auch weitere Marketing-Methoden helfen, zum Beispiel die Persona-Methode. Diese dient dazu, sich gezielt in die Erwartungen und Lebensumstände von Menschen oder Menschengruppen zu versetzen. 

Was kann ich im Alltag tun?

Es gibt eine große Bandbreite von Möglichkeiten, dem eigenen Umweltbewusstsein entsprechend aktiv zu werden. So informieren zahlreiche Ratgeber über umwelt- und klimaverträgliches Verhalten im Alltag. Unter anderem das Umweltbundesamt hat umfangreiche Umwelttipps für den Alltag veröffentlicht.

Darüber hinaus gibt es viele Möglichkeiten, sich stärker zu engagieren. Dazu gehören zum Beispiel staatliche Programme wie das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) oder der Bundesfreiwilligendienst in einer Umwelteinrichtung oder in einem ökologischen Unternehmen. 

Zahlreiche Naturschutz- und Umweltschutzvereine werden durch die Aktivitäten von Freiwilligen getragen, wie zum Beispiel der BUND und der NABU. Auchdie Informationskampagnen von Greenpeace werden vorrangig von ehrenamtlichen Helfern getragen.

Darüber hinaus engagieren sich immer mehr Jugendliche eher in zeitlich begrenzten Projekten oder Initiativen. Viele beteiligen sich zudem an Kampagnen wie Unterschriftensammlungen oder Online-Petitionen.

Wer sich für die Umwelt engagieren möchte, sollte sich bei der Suche nach dem richtigen Rahmen ganz konkrete Fragen an die eigenen Erwartungen stellen: Welche Aspekte des Umweltschutzes sind mir persönlich wichtig? Wie viel Zeit kann ich und möchte ich investieren? Möchte ich an einem kleinen Projekt arbeiten und viel Eigeninitiative haben? Welche Fähigkeiten bringe ich mit? Was möchte ich lernen?

Im Internet gibt es mittlerweile verschiedene Plattformen, die zum Ziel haben, Organisationen und Vereine mit Menschen zu vernetzen, die bereit sind, ihre Fähigkeiten und Zeit zur Verfügung zu stellen, zum Beispiel www.betterplace.org. Dort kann man nicht nur Geld spenden, sondern auch Zeit für Projekte oder ehrenamtliche Tätigkeiten. 

Weiterführende Links

Bundesumweltministerium: Umweltbewusstsein in Deutschland 2018
https://www.bmu.de/publikation/umweltbewusstsein-in-deutschland-2018

Bundesumweltministerium: Studie "Zukunft? Jugend fragen!"
https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/jugendstudie_bf.pdf 

Umweltbundesamt: Umweltbewusstsein in Deutschland
https://www.umweltbundesamt.de/themen/nachhaltigkeit-strategien-internationales/gesellschaft-erfolgreich-veraendern/umweltbewusstsein-in-deutschland

Umweltbundesamt: Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Menschen
https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/umweltbewusstsein-umweltverhalten-junger-menschen

Bundesamt für Naturschutz: Naturbewusstsein
https://www.bfn.de/themen/gesellschaft/naturbewusstsein.html

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